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Anprobieren vor aller Leute Augen?
Hosen-Händler hilft gern aus mit Baldachin

Eingefleischte Jahrmarkts-Besucher und auch viele Schaulustige gingen gestern zwischen den Ständen in der Völklinger Fußgängerzone auf Entdeckungsreise.
Eingefleischte Jahrmarkts-Besucher und auch viele Schaulustige gingen gestern zwischen den Ständen in der Völklinger Fußgängerzone auf Entdeckungsreise. FOTO: BeckerBredel
Völklingen. 160 Sorten Bonbons, 300 exotische Gewürze, 10 000 Kilometer Socken! Gestern, beim Jahrmarkt in Völklingen, fiel auch italienische Mode „Made in Fernost“ in den Blick. Von Walter Faas

„Unverhofft kommt oft!“ Das merkt Manfred Rasel gestern, beim Jahrmarkt in Völklingen: „Bin eigentlich auf dem Weg zum Arzt und finde hier das seltene Gewürz, mit dem mein Schaschlik immer so einmalig gut wird“, sagt Rasel am Stand von Gewürze Herrmann. 300 Aromen sind im Angebot, damit gelingt mit Sicherheit jeder Tiroler Kümmelbraten, jedes indische Curry, Gerichte bis hin zum brasilianischen Rahmfleisch. Der Reporter ist wie Rasel nicht zufällig hier, sondern zum Notieren, Schreiben und im Auftrag der Uroma Veronika Dörr: „Bring mir unbedingt Berschmonnsguddsja mit!“  – Kosten 2,50 Euro die Tüte, wie die superdicken „zahnarztfreundlichen“ Himbeerbonbons.


Fachsimpeln ist gratis! „Es gibt die bayrischen Bergwerksbriketts. Die sind deutlich dicker als die saarländischen Kolleguddsja. Bayern verwendet Anis und Fenchel, das Saarland lediglich Anis“, verrät Denise Deutsch, die seit 36 Jahren („mein Mann schon viel länger“) Kräuterbonbons, Fruchtgummis und gefüllte Leckereien an die Kundschaft bringt, „an die 160 Sorten und an mindestens 100 Jahrmärkten im Sommer wie im Winter“.

Der Jahrmarkt ist und bleibt eine Welt für sich, aber auch auf diese Idylle ist ein Schatten gefallen: „Das Kaufverhalten hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert. Die Leute haben keinen rechten Bedarf mehr an Gebrauchsgütern, sondern decken sich rund um die Uhr im Onlinehandel oder in der extremen Dichte der Verbrauchermärkte ein“, klagt Wolf Dieter Hofmann hinter seinen Solinger Schneidwaren wie Messern, Sparschälern, Nagelscheren.

Ganz neu, jedenfalls für den Reporter, ist das Angebot von Ingo Kuhn, genannt Dosenwilli. Der bietet in seinen kleinen Blechdöschen fünf Sorten doppelt gebrannten Schnaps der Geschmacksrichtungen Willi, Mirabelle, Feige, Pflaume und Kirsche, jeweils mit eingelegter Frucht, feil. Eine Schnapsidee? „Nö, das Interesse an meinen weiteren Produkten wie ausgefallenen Likören ist groß, allein durch die Form der Präsentation“, sagt Kuhn. In der Tat legt ein auf der Theke platziertes Kunststoffhuhn Ei für Ei, unter großem Gegacker  und gefüllt mit Wodka Lemon oder Whisky.

Dominiert wird der Jahrmarkt von freundlichen Herren mit Turban. Sie kommen wie  ein Handelsvertreter namens Ali aus Indien oder Pakistan, halten der Kundschaft gerne den Spiegel vor, verbunden mit Komplimenten über deren gutes Aussehen, und behaupten: „Mode ist made in bella Italia!“ „Na ja, sieht mehr nach Fernost und Kinderarbeit aus“, munkelt ein Kiebitz namens Jochen Baldauf. „Und sowieso“, ergänzt Baldauf, „so ne Buggs kanndschde doch hier uffem Markt vor aller Aue garnidd onprobiere, ohne in Deiwwels Kisch se kumme.“ Da irrt Baldauf: Gerne halten die Turban-Händler in praktizierter Solidaridät Baldachine vor Frau Kundin beziehungsweise Herrn Kaufinteressenten, um sie beim Anprobieren vor neugierigen Blicken zu schützen.



So kommt der diesjährige Völklinger Jahrmarkt (bei leidlich schönem Frühlingswetter) gut in die Gänge, bis jeder sein Märggschdigg (für Nichtsaarländer „sein Marktstück“) vom Indiana-Schlapphut bis zum Messi-Trikot gefunden hat.

Hunderte von Sorten Bonbons und Gewürzen boten Händler wie hier Horst Sauer auf dem Markt an.
Hunderte von Sorten Bonbons und Gewürzen boten Händler wie hier Horst Sauer auf dem Markt an. FOTO: BeckerBredel