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Hier zählen Vertrautheit und guter Ruf

Hier zählen Vertrautheit und guter Ruf

Rund 5000 Völklinger haben türkische Wurzeln. Türkische Geschäftsleute mühen sich um spezielle Wünsche dieser Kundengruppe – ihr Erfolg verknüpft sich freilich mit enormem persönlichem Arbeitseinsatz.

In Völklingen sind 2500 Menschen mit türkischem Pass gemeldet, schätzungsweise ebenso viele sind türkisch-stämmig oder der türkischen Lebenswelt durch Heirat oder Freundschaft verbunden. Für Händler und Dienstleister sind diese Personen eine interessante Kundengruppe, und so fallen vor allem in der Innenstadt und in Wehrden Läden ins Auge, die als "türkisch" bezeichnet werden und dieses Etikett oft auch im Namen tragen oder die Landesflagge - im Wortsinn - "im Schilde führen".

Die meisten Inhaber und Mitarbeiter sprechen Deutsch und bedienen ebenso gern "Ausländer", die meisten Kunden sind aber in Völklingen oder in den Nachbargemeinden wohnende Türken. Auch aus Frankreich kommen sie herüber.

Nur zehn Prozent seiner Kunden seien Araber, Iraker und Deutsche, erzählt Ahmet Demirag, Inhaber des türkischen "Cagri"-Lebensmittelmarktes im unteren Wehrden, mit geschätzt 3000 Artikeln einer der größten seiner Art im Regionalverband. Der 38-Jährige hatte in dem gut eingeführten Geschäft einige Jahre als Angestellter gearbeitet. Als sich der Besitzer 2009 von dem Laden trennte, übernahm er ihn als selbstständiger Kaufmann. Von acht bis 20 Uhr steht der Chef an der Kasse. Vor allem Rind und Lammfleisch , Wurstwaren, Brot und türkische Lebensmittel, die man nicht an jeder Ecke findet, locken die Leute an. Kaum einmal ist eine Pause drin, und wenn gerade nichts gekauft wird, ist Herr Demirag als Gesprächspartner gefragt.

Der Markt führt regalmeterweise Oliven- und Teesorten sowie Berge von Süßigkeiten und Knabberzeug. Frische Waren kommen von regionalen Lieferanten, ein Großteil des Sortimentes wird von einem Mannheimer Importeur bezogen.

In Italien kauft Sultan Karahan die Ware für ihre Damenmode-Boutique "Glamorous" in der Bismarckstraße ein. "Viele wissen gar nicht, dass das ein türkischer Laden ist", amüsiert sich die junge Inhaberin, die eigentlich in Saarbrücken einen Shop aufziehen wollte (und es wegen der hohen Miete ließ), nun aber auch in der Mittelstadt glücklich ist und erweitern möchte. Ihre Kundschaft - "von 14 bis 55 Jahre ist meine Zielgruppe alt" - bestehe zu 90 Prozent aus Landsfrauen, die hier von der Jeans bis zur Abendgarderobe alles fänden.

Ein Grundprinzip jeden erfolgreichen Handels ist hier exemplarisch umgesetzt: Sultan Kaharan spricht die Sprache ihrer Kundinnen, kennt ihren Geschmack und erfüllt kleinste Sonderwünsche. Nicht unwichtig für den Erfolg der jungen Unternehmerin ist überdies das hohe Ansehen ihrer Eltern. Vor allem mit der Mutter, einer Arzthelferin, sind viele Türkinnen vertraut. Deshalb schicken sie ihre Töchter guten Gewissens zum Einkaufen ins "Glamorous": Das Kind solch einer gewissenhaften Frau werde anständig beraten und kalkulieren, lautet die Überlegung.

Für Kiymet Kirtas, Sprecherin des Integrationsbeirates der Stadt Völklingen , ist diese Einstellung verbreitet: "Der" türkische Kunde lege größten Wert auf eine Atmosphäre der Vertrautheit und des Respekts. Diese Wertschätzung genieße ein Händler dank seiner familiären Abstammung. Oder er erarbeite sie sich.

Wie etwa Celal Oral, der seit 20 Jahren ein Reisebüro (am Otto-Hemmer-Platz) führt. Das Hauptgeschäft des Bergmannssohnes sind so genannte Heimatflüge zwischen dem Saarland und der Türkei - er bringt die Leute zuverlässig hin und wieder zurück, einschließlich eines 24-Stunden-Transferdienstes zu den Flughäfen und Kofferschleppen. Der 44-Jährige hatte sogar ein Zweitgeschäft in Metz, das er aber aufgab, um noch ein wenig Freizeit zu haben. Nun sind 50 Prozent seiner Völklinger Kunden Franzosen, eine Säule des Geschäftes.

Ein türkischer Geschäftsmann mit 90 Prozent deutschen Kunden ist Güngör Öztürk, der 2002 aus dem Wehrdener Sängerheim das "Bistrorante"-Pizzeria "Romantik" machte, wohl gemerkt in dieser Schreibweise, um die einheimische Bevölkerung anzusprechen. Der quirlige Multikulti-Mann von der Schwarzmeerküste, 48, war Maschinenbautechniker und über Aushilfsjobs im Schlachthof in die Gastronomie gerutscht. Dass er 160 Gerichte beherrscht und beste Kontakte in Politik, Wirtschaft und Sport hat, macht ihn stolz und stachelt seinen unternehmerischen Ehrgeiz weiter an. Da Gastronomie derzeit nicht so laufe, werde er zusätzlich ein Reisebüro aufmachen, kündigt er an und ist überzeugt, dass sein guter Ruf ihn auch in dieser Branche zum Erfolg führt.

Was bei unserer kleinen Reise durch türkische Unternehmen in Völklingen auffiel: Die erwachsenen Kinder der Inhaber ziehen Studium und Bürojobs vor. Die Arbeits-Pensen der Eltern und die nicht üppigen Renditen wirken alles andere als verlockend auf die Jugend. Merke: Auch türkische Geschäfte laufen nicht von allein.