Großes Theater von kleinen Erzählern

Großes Theater von kleinen Erzählern

In Völklingen haben Viertklässler aus zehn Grundschulen um den Einzug in die Finalrunde des Lesedino-Vorlesewettbewerbs gekämpft. Überzeugen konnte vor allem ein junger Köllerbacher mit einem alten Klassiker.

Mit so einem schwierigen, noch dazu französischen Wort konnte aber auch keiner rechnen. An der "Marseillaise" haben sich die Kinder beim Lesedino-Vorlesewettbewerb am Freitagnachmittag in Völklingen die Zähne ausgebissen. Ma-sel-lase? Marseileise? Maschelese? Puh!

Die zweite Runde des Wettbewerbs war auch freilich die schwerere. Da mussten die Grundschüler mit Doktor Proktors Zeitbadewanne von Jo Nesbø einen ihnen fremden Text voller Wörter wie eben "Marseillaise" meistern. In der ersten Runde, als die Kinder aus ihren mitgebrachten Lieblingsbüchern vorlasen, glänzten alle. Kein Wunder, sie alle waren ja schon vorher Gewinner: zehn Viertklässler von zehn verschiedenen Grundschulen aus Völklingen , Püttlingen, Köllerbach, Altenkessel, Klarenthal und Gersweiler, die sich jeweils in den schulinternen Wettbewerben durchgesetzt hatten und jetzt beim Regionalentscheid im Völklinger Alten Rathaus gegeneinander antraten.

Der Beste unter den zehn wiederum darf im Mai nach Saarbrücken fahren, um die Region in Anwesenheit von Bildungsminister Ulrich Commerçon in der letzten, saarlandweiten Runde zu vertreten. Und diese Ehre hat sich Leander Neudeck von der Grundschule Köllerbach verdient.

Leander ist mit einem Klassiker angetreten, mit Otfried Preußlers Räuber Hotzenplotz. Kluge Wahl, da geht ja schon ein Strahlen durch die Reihe der Erwachsenen im Publikum, die sich gleich mal an die eigene Kindheit erinnert fühlen dürfen. Und wie Leander im Festsaal des Alten Rathauses, an einem kleinen Tisch vor einem riesigen Schlachtengemälde und unter einem gewaltigen Kronleuchter sitzend, die ersten Seiten vom Hotzenplotz vorträgt, ist schon großes Theater . Um Kasperls Großmutter geht es da, die völlig verzückt ist von ihrer neuen Kaffeemühle, weil die beim Mahlen "Alles neu macht der Mai" spielt. Aber dann, liest Leander vor, "knackte es plötzlich in den Gartensträuchern und eine barsche Stimme rief: ‚Her mit dem Ding da!'". Barsch ist Leanders Stimme da tatsächlich, tief und boshaft, räuberisch sozusagen: "Her damit, sage ich!" Als dann die Großmutter spricht, wechselt Leander zum entrüsteten Sopran: "Erlauben Sie mal!", ruft Leander näselnd aus. "Was fällt Ihnen ein, mich so anzuschreien?"

Nach exakt drei Minuten ertönt die Stoppuhr, Leander muss abbrechen, und wessen Kindheit schon so weit entfernt liegt, dass er sich partout nicht mehr an die Geschichte erinnern kann, der fragt sich: Ja kriegt der Hotzenplotz die Kaffeemühle denn nun, oder kann sich die Großmutter gegen den Räuber wehren? (Anmerkung der Redaktion: Er kriegt sie.) Die Jury, bestehend aus der Schülerin Sarah-Ann Coombes, dem Geschichtenerzähler Gernot Richter und dem Autor Jürgen Kück, hat sich mit Leander als Sieger schon richtig entschieden.

Aber auch der Zweit- und die Drittplazierte, Hendrik Mink von der Grundschule Ludweiler/Lauterbach und Svenja Altmeyer von der Völklinger Haydnschule, folgen verdient als lebendige, abwechslungsreiche Vorleser.

Alle Teilnehmer bekommen am Ende Urkunden und Bücher, die besten drei dazu noch Buchgutscheine. Leander außerdem die Siegestrophäe: den Lesedino aus Plüsch. Wenn dann im Mai der diesjährige Saarlandsieger aus Köllerbach kommen sollte - eine Überraschung wäre es nicht.

Zum Thema:

Auf einen BlickWeitere Teilnehmer: Chiara Bergmann, Aschbachschule Gersweiler; Jamie Anne Böcking, Grundschule Wehrden/Geislautern; Anna Ehlen, Heidstock/Luisenthal; Leonhard Kesternich, Bergstraße/Röchlinghöhe; Sascha Nasri, St. Barbara Altenkessel; Meyra Ramadan Ahmed, Wilhelm Heinrich Großrosseln; Rouven Weiland, Pater Eberschweiler Püttlingen. Es fehlte krank: Milena-Maria Schwindling, Viktoria Püttlingen. red