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Grewenig ärgert ein Stolperstein

Der Weltkulturerbe-Eingang. Hier soll eine Stolperschwelle an das Leiden der NS-Zwangsarbeiter erinnern. Foto: Hartmann Jenal
Der Weltkulturerbe-Eingang. Hier soll eine Stolperschwelle an das Leiden der NS-Zwangsarbeiter erinnern. Foto: Hartmann Jenal FOTO: Hartmann Jenal
Völklingen. Meinrad Maria Grewenig, Chef des Völklinger Weltkulturerbes, und ein Völklinger Aktionsbündnis streiten um die Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter der Hütte. Es geht um die Verlegung einer Stolperschwelle. Bernhard Geber

Das Aktionsbündnis Stolpersteine will seine Erinnerungsarbeit in Völklingen am 19. August mit der Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Besucher-Haupteingang des Weltkulturerbes Völklinger Hütte krönen. Die bündig zum Boden liegende Gedenktafel, Maße 67 mal zehn Zentimeter, gefertigt vom international bekannten Aktionskünstler Gunter Demnig , soll an das Schicksal von Tausenden von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen erinnern, die während der NS-Zeit in der Hüttenstadt litten und starben.

Aber Meinrad Maria Grewenig , Generaldirektor des Weltkulturerbes, hat nun in einem offenen Brief Alarm geschlagen. Er meint hier, der geplante Verlegungsort sei "in hohem Maße ungeeignet" und "würdelos". In unmittelbarer Nähe führen täglich um die 20 000 Autos vorbei. Mehrmals die Woche seien hier die Müllcontainer der Hochschule für Bildende Künste platziert. Und, so Grewenig: "Es kommt hinzu, dass an dieser verkehrskritischen Stelle eine Plakette im Bodenbereich zu unverantwortbaren Besucherstaus und damit zu einer Gefährdung der Verkehrssicherheit führen wird." Grewenig schlägt als Alternative vor, die Stolperschwelle auf dem Völklinger Platz zu verlegen. Dieser Platz liegt, ein gutes Stück vom Haupteingang entfernt, auf der anderen Straßenseite.

Aber dies will Caroline Conrad, Sprecherin des Völklinger Aktionsbündnisses, auf keinen Fall akzeptieren. "Da geht doch keiner vorbei", sagt Conrad. Die Besucherscharen, die durch den Haupteingang kämen, sollten "auch mit der anderen Seite der Völklinger Hütte konfrontiert werden".

Conrad glaubt nicht, dass die Besucher dann über die Schwelle stolpern. Dies sehe man an der "Blindschwelle", die Mitarbeiter der Stadt in den Bürgersteig verlegten. Es unterstreiche, dass man im Völklinger Rathaus dahinter stehe. Aber Grewenig argumentiert, dass Absprachen mit der Stadt wirkungslos seien, da der betreffende Bürgersteig zu einer Landesstraße gehöre.

Das Aktionsbündnis will die Schwelle am 19. August, 17 Uhr, am vorgesehenen Ort verlegen. In einer Feierstunde sollen die Namen der Opfer vorgelesen werden. Die Inschrift der Schwelle soll lauten: "Röchling'sche Eisen- und Stahlwerke 1941 - 1944/ Zwangsarbeit für den deutschen Endsieg/Tausende müssen unter Zwang für die deutsche Rüstung arbeiten/Unterernährt - Misshandelt - Arbeitsunfall - Krank/Hunderte verlieren ihr Leben." Grewenig hält die Inschrift für "unangemessen", sie sei "historisch falsch". Er schlägt vor, stattdessen diesen Text in den "Muttersprachen der Opfer" zu verwenden: "Im Gedenken an die Opfer der Zwangsarbeit in der Völklinger Hütte." Zudem kündigte er für den 13. September eine eigene Ausstellung zum Thema "Die Röchlings und die Völklinger Hütte" an.

Meinung
Unwürdige Intervention
Von SZ-Redakteur Johannes Kloth

Meinrad Maria Grewenig warnte 2012 vor einer Umbenennung des Völklinger Stadtteils Hermann Röchling Höhe. Sein bizarres Argument löste damals bei der Unesco-Kommission Kopfschütteln aus: Den Hütten-Baron und NS-Kriegsverbrecher aus dem Namen zu streichen, führe zur Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels der Hütte. Nun warnt Grewenig also wieder. Diesmal vor der von engagierten Bürgern initiierten, längst genehmigten Verlegung einer Stolperschwelle, die an die Ausbeutung der Hütten-Zwangsarbeiter erinnern soll. Diesmal reicht der krude Mix an Argumenten von der albernen Sorge um die Verkehrssicherheit bis zur Infragestellung historischer Fakten. Grewenig bestreitet gegenüber der SZ gar nicht, dass es tausende Zwangsarbeiter gab und Hunderte an den Folgen starben. Wer aber ohne Grund die Formulierung "historisch falsch" verwendet, handelt unverantwortlich und unanständig. Sein Vorschlag, die Schwelle vom Besuchereingang wegzuverlegen, nährt den Verdacht, dass es um etwas anderes geht: Ein unangenehmes Thema fern zu halten vom Kulturerbe. Es wäre eine dem Leid der Opfer unwürdige Haltung.