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Graue Haare nur im Schnurres

Völklingen. Kontaktfreudigkeit, Langmut, starke Nerven und Mut zum finanziellen Risiko braucht es, um als Gastronom erfogreich zu sein. Die Erfahrung gibt Harald Mörsdorf recht. Er betreibt mit seiner Frau seit 23 Jahren das Bistro Jean M. Jürgen Kück

Dass er im Rentner-Alter ist, sieht man Harald Mörsdorf nicht an: Kein einziges graues Haar ist über dem freundlichen, hellwachen Gesicht des 64-Jährigen zu entdecken, der seit 23 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Christa das Bistro Jean M. in der Völklinger Citypromenade führt. "In dieser Zeit hätte ich wirklich Grund genug gehabt für viele graue Haare", sagt er lachend, "aber als Wirt muss man leidensfähig sein, deshalb haben viele spätere Gastronomen diesen Beruf nicht schon als junge Leute angestrebt."

Und wie wird man Wirt? "Über Umwege und andere Berufe ", erklärt Mörsdorf , "bei mir zum Beispiel über den Umweg Koch." Und das war ein sehr erfolgreicher Umweg, aus der Not entstanden. "Meine Mutter ist früh gestorben, der Vater ging arbeiten, deshalb mussten mein Bruder und ich den Haushalt versorgen und kochen, was uns immer mehr Spaß machte. Daraus ergaben sich unsere Berufe ." Während sein Bruder Konditormeister wurde und im Saarbrücker Café Menn arbeitete, lernte Harald Mörsdorf die Kochkunst und machte auch Karriere: Nach Tätigkeiten in verschiedenen Steigenberger Hotels wurde er Abteilungsleiter Gastronomie beim Handelskonzern Hertie.

Er war 27 Jahre alt, als er den Sprung in die Selbständigkeit wagte, und zwar in seiner Heimat: In der Citypromenade eröffnete er zunächst das Cartoon, ein Jugendlokal, wo der erfahrene Koch allerdings wenig von seinen Künsten anwenden konnte: "Klar, bestellt wurden hauptsächlich Spaghetti", erinnert er sich. Nach seiner Heirat dann zog er ins Nachbarhaus und wurde Wirt und Eigentümer im Jean M, wobei der Name seinem Vater Hans Mörsdorf gewidmet war. 1996 erweiterte er das Bistro um einen Nebenraum mit 60 Sitzplätzen und einer angenehmen Wohnzimmer-Atmosphäre, fünf Angestellte sorgen für das Wohl der Gäste. Hier werden Stammessen und kleinere Gerichte angeboten. "Jetzt passt eigentlich alles zueinander", stellt er fest, "sogar die Berufe unserer Töchter Carolin und Michèle, die Hotelfachfrau und Bankkauffrau gelernt haben." Aber wieso passt alles nur "eigentlich"? "Da sind wir wieder bei den grauen Haaren", sagt er, "denn den Gastronomen wird das Leben immer schwerer gemacht." Das Rauchverbot - so radikal sei man in Norddeutschland nicht. Es hätte andere Lösungen gegeben. Dann der Mindestlohn von 8,50 Euro - "den erreichen Sie als Wirt nicht". Und schließlich die spezielle Völklinger Misere. "In den angrenzenden Straßen gab es Hinweisschilder - die sind schon lange weg, werden angeblich aktualisiert", berichtet er. Von der Poststraße aus blockiert eine seit Dezember fast still stehende Baustelle den Durchgang. "Die Behindertenparkplätze, gerade vor den Arztpraxen, werden von putzmunteren Zeitgenossen zugeparkt, das kontrolliert kaum jemand." Das Fingerspitzengefühl der Stadtverwaltung sei nicht sehr ausgeprägt.

"Ich bin nach 48 Jahren Berufstätigkeit nun seit knapp einem Jahr in Rente, meine Frau führt das Lokal, und wir schauen uns nach Nachfolgern um", sagt Mörsdorf . Dennoch bereut er nichts: "Der Beruf macht Spaß, wenn man finanziell mutig und vor allem kontaktfreudig ist, denn er ist anstrengender als Friseur: Man muss oft lange Gespräche halten, neu-tral bleiben, nicht zanken und länger bei der Arbeit als zu Hause sein. Aber es gibt auch schöne Stunden mit netten Gästen." Und dann streicht er sich über den Schnurrbart, in dem es jetzt doch ein wenig grau schimmert.