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Tempo 30 nahezu fläckendeckend?
Es rumort um den Verkehrsentwicklungsplan

Oberbürgermeister 
Klaus Lorig.
Oberbürgermeister Klaus Lorig. FOTO: BeckerBredel
Völklingen. Die Diskussion um den Völklinger Verkehrsentwicklungsplan geht in die heiße Phase. Knackpunkte sind die Umwandlung der Rathausstraße in eine Fußgängerzone und umgekehrt die Öffnung der (bisher verkehrsberuhigten) Poststraße für den Durchgangsverkehr. Von Bernhard Geber

Das Darmstädter Büro R+T ist mit seinem  Projektleiter Frank Schleicher-Jester seit 2015 dabei, für eine Auftragssumme von (damals) rund 140 000 Euro einen Verkehrsentwicklungsplan für die Gesamtstadt zu entwerfen. Wenn dieser Plan so Wirklichkeit wird, gilt in Völklingen nahezu flächendeckend Tempo 30 – und noch weniger. Und die Verkehrsführung in der Innenstadt wird auf den Kopf gestellt: Die Bismarckstraße, bisher Einbahnstraße mit zwei Fahrspuren,  soll im Gegenrichtungsverkehr geöffnet und zu einem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich mit maximal Tempo 20 umgebaut werden. Dieser verkehrsberuhigte Bereich soll sich über die obere Karl-Janssen-Straße bis hinein in die Moltkestraße fortsetzen. Die Rathausstraße soll vom Pkw-Durchgangsverkehr befreit – sprich Fußgängerzone – werden. Im Gegenzug soll die Poststraße, bisher verkehrsberuhigter Bereich, in der Fahrtrichtung umgedreht und für den Durchgangsverkehr geöffnet werden.


In der Geschäftswelt haben diese Pläne schon für Aufruhr gesorgt, und so darf man mit Spannung den Neujahrsempfang des Völklinger Wirtschaftskreises erwarten. Sein Vorsitzender Hans Agostini, selbst Anlieger in der Poststraße, wird  dann (Donnerstag, 18. Januar, 19 Uhr) wohl in der Kulturhalle Wehrden mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten. Nora Becker, Geschäftsfrau in der Innenstadt, hatte bereits bei einem vorangehenden Workshop gewarnt: „Wir dürfen uns nicht selbst die Lebensader abschneiden. Wir müssen die Autofahrer mit allen Mitteln nach Völklingen holen.“ Eine Aussprache zwischen dem Wirtschaftskreis und den Verantwortlichen für die Planung einschließlich Frank Schleicher-Jester ist laut Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) einige Tage nach dem Neujahrsempfang der Interessenvertretung der Gewerbetreibenden in der Stadt vorgesehen.

Den Völklinger Grünen kann es derweil gar nicht schnell genug mit der Verkehrsberuhigung gehen. Ihre Stadtratsvertreter Manfred Jost und Gerold Fischer bekräftigten erst kürzlich in einem SZ-Redaktionsgespräch die Forderung, gleichzeitig mit dem Projekt Modepark Röther den Umbau der Rathausstraße ab der Einfahrt zur Tiefgarage in eine Fußgängerzone voranzutreiben. Oberbürgermeister Lorig wies dies wenige Tage später – ebenfalls in einem SZ-Redaktionsgespräch – zurück. „Wir müssen der Rathausstraße eine Chance geben, sich zusammen mit Röther zu entwickeln“, sagte Lorig. Bis sich die Lage stabilisiert habe, solle die Straße weiterhin im Gegenverkehr mit einer Wendemöglichkeit befahrbar bleiben – bis hin zu dem neuen Platz, der vis à vis des Alten Rathauses entstehen soll. Dies wäre dann der Endpunkt für den Autoverkehr. Da gelte  bereits als Planungsvorgabe des Landes, dass hier nur Busse passieren dürften.

Voraussetzung für die Fußgängerzone Rathausstraße ist laut Planer Schleicher-Jester, dass die Poststraße in eine Durchgangsstraße in umgedrehter Einbahnrichtung umgewandelt wird. Sie würde dann dann von der Rathaus- hin zur Bismarckstraße führen. In diesem Abschnitt soll dann Tempo 30 gelten. „Die Poststraße muss zuvor komplett ausgeräumt, grundsaniert und wieder in eine normale Straße verwandelt werden“, verdeutlicht Lorig. „Mit gerade durchlaufender Verkehrsführung, Parkflächen und einem sicheren Bereich für die Fußgänger.“ Eins ist bereits vorhersehbar: Den Anliegern, Geschäftsleuten und Ärzten in diesem Bereich dürften Baumaßnahmen solchen Umfangs überhaupt nicht schmecken.

 Lorig versucht da, schon im Vorfeld etwas abzuwiegeln „Ein Plan ist ein Plan und noch nicht die Umsetzung“, sagte der Oberbürgermeister im Redaktionsgespräch. „Viele Dinge im Verkehrsentwicklungsplan werden sehr, sehr viel Geld kosten, das die Stadt derzeit nicht hat.“



Die Zweifel reichen derweil bis ins Rathaus. Wolfgang Bintz (CDU) ist als Bürgermeister Vorgesetzter der Hilfspolizisten. Auch er schaut skeptisch auf den Verkehrsentwicklungsplan, weil er es für unmöglich hält, die vorgesehenen Tempo-Limits durchzusetzen: „Flächendeckende Kontrollen schaffen wir nicht“, sagt er. „Wir schaffen nur Nadelstiche“, sagte Bintz kürzlich, ebenfalls  in einem Redaktionsgespräch.

Die Rathausstraße mit ihren ungewöhnlich breiten Bürgersteigen wird derzeit von Bussen und Autos in Einbahnrichtung befahren. Oberbürgermeister Lorig strebt zunächst eine Zwischenlösung an.
Die Rathausstraße mit ihren ungewöhnlich breiten Bürgersteigen wird derzeit von Bussen und Autos in Einbahnrichtung befahren. Oberbürgermeister Lorig strebt zunächst eine Zwischenlösung an. FOTO: BeckerBredel
Die Fläche in der Poststraße teilen sich derzeit Fußgänger und Autos. Wenn sie wieder Durchgangsstraße mit Tempo 30 werden sollte, wäre ein grundlegender Umbau mit Abräumen aller Verkehrshindernisse fällig.
Die Fläche in der Poststraße teilen sich derzeit Fußgänger und Autos. Wenn sie wieder Durchgangsstraße mit Tempo 30 werden sollte, wäre ein grundlegender Umbau mit Abräumen aller Verkehrshindernisse fällig. FOTO: BeckerBredel