Erst Kuppel, dann Minarett?

Völklingen. Im Gebetssaal der Moschee im Völklinger Stadtteil Wehrden predigt Iman Nihat Okutan auf Deutsch über den Islam und den verbindenden Geist der Liebe und Versöhnung. Freitags um die Mittagszeit müssen viele noch arbeiten, aber dennoch sind gestern rund 250 Menschen zum Gebet in dem früheren Kinosaal an der Saarstraße gekommen

Völklingen. Im Gebetssaal der Moschee im Völklinger Stadtteil Wehrden predigt Iman Nihat Okutan auf Deutsch über den Islam und den verbindenden Geist der Liebe und Versöhnung. Freitags um die Mittagszeit müssen viele noch arbeiten, aber dennoch sind gestern rund 250 Menschen zum Gebet in dem früheren Kinosaal an der Saarstraße gekommen. Die Moscheegemeinde hat an diesem Tag die Bevölkerung zum Kennenlernen eingeladen, und rund drei Dutzend Gäste, Bürger und Kommunalpolitiker sind der Einladung gefolgt. Nachdem der Plan, ein Minarett auf dem Gebäude zu errichten, zuvor in der Öffentlichkeit kräftig Wellen geschlagen hat.Zunächst führen zwei junge Frauendurch die Moschee und erläutern wesentliche Dinge wie die Gebetsnische und ihre Ausrichtung auf Mekka, die Funktionen von Predigt- und Lehrkanzel. Zuvor machen Besucher die grundlegende Erfahrung, dass man vor Betreten des mit dickem Teppich ausgelegten Gebetssaales die Schuhe auszieht. Und dass der Gebets-Rufer hier auf einer kleinen Galerie im Raum sitzt.

Das ging nämlich bereits als Horrorvision in Wehrden um: ein Minarett, höher als der benachbarte Kirchtum von St. Josef, von dem aus dann bereits am frühen Morgen Gebetsrufe erschallen. Rund acht Meter hoch solle der Aufbau auf dem Dach werden und nur als Zierde dienen, bekräftigt dagegen Ünal Subasi, zweiter Vorsitzender des Trägervereins, gestern in einer Gesprächsrunde in der Teestube der Moschee. Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) rät den Muslimen dazu, sich noch in Geduld zu üben und "als ersten Schritt" nur eine Kuppel aufs Dach zu bauen.

Derweil diskutieren Besucher über ihre neuen Erfahrungen. "Ich war bisher noch nie in einer Moschee", bekennt die Völklingerin Helga Weigand. "Aber es hat sich gezeigt, dass wir doch viel gemeinsam haben. Da einen Krieg um ein Minarett zu führen, finde ich wirklich unnötig." Moschee-Vorstand, Vertreter der Bürger-Organisation Stadtteilforum Wehrden und OB Klaus Lorig haben inzwischen in der Teestube vereinbart, dass die Gespräche um die Baupläne in kleinem Kreise weitergehen sollen, um die Fragen "Schritt für Schritt abzuarbeiten".

Pro Minarett

Die Regeln des Rechtsstaats

Von SZ-Redakteurin Doris Döpke
In Deutschland leben etwa 4,3 Millionen Muslime: Das hat eine Studie ergeben, die das Bundesinnenministerium 2009 veröffentlichte. Zudem brachte die Untersuchung zutage, dass 45 Prozent dieser Muslime die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen; der Islam, zweitstärkste Religion im Lande, ist längst hineingewachsen in unsere Gesellschaft. "Wir leben hier", sagen denn auch die Vertreter der Völklinger Moscheegemeinde, die ihr Gotteshaus um Kuppeln und ein Minarett erweitern will - und fügen hinzu: "Wir möchten uns zeigen." Eine Moschee öffentlich sichtbar machen, mit traditionellen Bau-Wahrzeichen: Sofern die Pläne sich architektonisch einfügen ins Umfeld, ist dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil - es ist hohe Zeit, muslimische Gotteshäuser aus dunklen Hinterhöfen und Gassen ins Licht zu holen.

Gegner der Minarett-Pläne argumentieren, in islamischen Ländern seien Christen nicht frei in ihrer Religionsausübung und beim Bau von Gotteshäusern. Da ist leider was dran; um Menschenrechte muss man politisch immer noch kämpfen, international. Doch mit der Minarett-Frage hat das wenig zu tun. Denn wir leben hier. Und hier gelten die Regeln des Rechtsstaats.

Die auch Muslime verpflichten. "Wir leben hier": Das bedeutet mehr als nur sichtbare Bau-Zeichen. Dazu gehört auch Offenheit. Und Verzicht auf allzu innige Bindungen an den türkischen Staat.

Von Kasernen und Bajonetten

Von SZ-Redakteur Alexander Will

Nein, dieses Minarett sollte nicht gebaut werden. Es symbolisiert den Machtanspruch des Islam und ist nichts weniger als eine Provokation. Im Laufe der islamischen Eroberungen wurden Minarette zuerst als Wach- und erst danach als Gebetstürme eingesetzt. Nach der gewaltsamen Inbesitznahme neuer Gebiete entstanden sie dort als Manifestation der Herrschaft des Islam. Alles nur Geschichte, olle Kamellen gar? Keineswegs, mit Blick auf die Details. Die Moschee in Wehrden gehört zur Ditib-Organisation. Diese wiederum untersteht der Kontrolle des staatlichen türkischen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten, welches wiederum dem Amt des türkischen Ministerpräsidenten angegliedert ist. Der heißt zur Zeit Recep Erdogan und hat notorische Schwierigkeiten, Abstand zu islamischen Fundamentalisten zu halten. So bezeichnete er den nach Atomwaffen gierenden iranischen Präsidenten Achmedinedschad im Oktober 2009 als "unseren Freund". In einer Rede sagte Erdogan: "Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten." Warum sollten diese "Bajonette" also bei uns willkommen sein, zumal ein Minarett für die Ausübung der islamischen Religion gar nicht notwendig ist? Die Wehrdener Gemeinde täte gut daran, ihre Pläne zu überdenken. Das wäre dann ein Zeichen echter Integration.

Auf einen Blick

Wehrden (5200 Einwohner) hat einen Ausländeranteil von etwa 20 Prozent. Seine muslimische Gemeinde gehört wie eine Reihe anderer im Saarland dem Dachverband DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) an. Dahinter steht das türkische Religionsministerium. In Völklingen existieren noch weitere, anders ausgerichtete Moschee-Gemeinden, so im Stadtteil Luisenthal und in der Innenstadt. Die Innenstadtgemeinde hat auf ihrer Moschee in der Moltkestraße bereits eine große Kuppel errichtet. er

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