Entdeckungstour in der Ruine

Seit 1999 ist der Ex-Kaufhof dem Verfall preisgegeben. Seither herrschen im Innern die Spinnen und erhalten höchstens noch Besuch von schrägen Gestalten: hier ein womöglich letzter Blick in die Ruine.

Es ist nicht einfach, seinen Fuß in das Kaufhof-Gebäude in der Völklinger Innenstadt setzen zu dürfen - die Betonung liegt auf "dürfen" -, selbst wenn man als Journalist die besseren Karten besitzt. Aber bei einem ersten Versuch einer kleinen Ruinenbesichtigung war es selbst der Stadtverwaltung zu gruselig, hinter die weiße Betonaußenwand zu schlüpfen.

Starker Wind zottelte durch die Haare eines jeden Völklingers. Und der treibe liebend gerne auch seine gemeinen Spielchen mit den losen Glasscherben in den oberen Etagen, erklärt Hans-Werner Schöpp von der Firma Ronck, dem Sicherheitsdienst, der für die Stadt ein wachsames Auge auf das Gebäude wirft. Da flögen dann auch mal "irgendwelche Dinge" durch die Räume. Also viel zu gefährlich, sagt der Sicherheitsfachmann.

Beim zweiten Anlauf scheint ihm die Sonne auf den Scheitel. Dennoch dürfen wir nur dorthin, wohin auch er gehen wird. "Wer weiß, wer uns da entgegen kommt", sagt er und sperrt mit einem winzigen Schlüssel das imposante Betonmonster auf.

Zu diesem "uns" gehören auch Adrian Saar vom städtischen Fachdienst Städtebau-Förderung und Bauverwaltung sowie Michael Zimmer, der zuständige Stadtplaner und Projektverantwortliche, der, kaum durch die Hintertür ins Innere geschlüpft, davon erzählt, wie ihm vor Jahren bei einer Besichtigung mit anderen zusammen im leeren Haus plötzlich ein Trupp Diebe mit Bergmannslampen an der Stirn dreist entgegenkam. Werner Michaltzik, damals noch Polizeichef, habe gleich die Verfolgung in die dunklen Räume aufgenommen und zwei Säcke mit Kupfer zurückgebracht.

Seitdem sind zwar sämtliche wertvollen Dinge gesichert und abtransportiert, Einbrecher gebe es aber immer wieder, sagt Schöpp. Zwölf Personen habe er bei seinen regelmäßigen Rundgängen bisher aufgegriffen, alles Jugendliche auf Entdeckungstour. Besonders der Teil mit der ehemaligen Disco habe es ihnen angetan. "Aber da haben wir die Türen inzwischen zugeschweißt."

Warum es sie ausgerechnet dorthin gezogen hat, darüber kann man spekulieren. Die eigentlichen Stars das Komplexes warten an anderer Stelle. Während das Treppenhaus im Hauptgebäude mit einem riesigen Loch in einer 24er Bimssteinwand die Unterhaltung über das brachiale Vorgehen der Metalldiebe noch ein wenig in Gang hält, öffnet sich nach ein paar Stufen weiter oben plötzlich der Blick auf sie, die schlafenden Rolltreppen in der Mitte des weiten Erdgeschosses. Aus ihrer Zeit entrückt, erscheinen sie fast wie Kunstwerke. Sanft tauchen sie in die Dunkelheit des Untergeschosses hinab.

"Der Kaufhof in Völklingen war am Anfang ein Vollsortiment-Warenhaus", mit Delikatessen, Schallplatten und allem Drum und Dran, beginnt Michael Zimmer seinen Rückblick - er hat noch ab 1992 den laufenden Betrieb erlebt. Damals habe es aber schon keinen Lebensmittelverkauf mehr gegeben. In den 80er Jahren schlossen dann die nächsten Abteilungen, zum Schluss gab es nur noch Mode und Sport, bevor man im Dezember 1999 das Gebäude räumte und den Spinnen die Herrschaft überließ. Die Damenunterwäsche stand übrigens im Querriegel zum Verkauf, der 2008 abgerissen wurde. Hier kann also nichts mehr krabbeln.

Der Rest-Abriss wird "definitiv im Frühjahr" folgen, wie Zimmer das ungefähre Datum eingrenzt. Das lässt - im zweiten Stock angekommen - etwas wehmütig werden hinter einer großen Glasfront in der ehemaligen Geschäftsleitung : Deren Mitglieder konnten beim Telefonieren ihre Augen auf einem atemberaubenden Panorama bis weit hinüber nach Saarbrücken ruhen lassen. Und im Zimmer nebenan wartet dann doch noch ein kleiner Schatz: ein orangefarbenes Plakat von den Olympischen Winterspielen in Sarajevo 1984. Irgendjemand hatte sich schon daran versucht, es abzureißen. Unmöglich. Bis zum bitteren Ende mit der Wand vereint. < Weiterer Bericht folgt.