Enkeltrick? Nicht mit uns!

Wenn Erpresser zuschlagen, sind ältere Menschen oft hilflos. In Völklingen lernen Senioren derzeit in einem Kurs, wie sie sich gegen Angreifer schützen können.

Die Oma glaubt, ihr Enkel sei am Telefon. Was sie nicht ahnt: Es ist ein Betrüger, der ihr 25 000 Euro abknöpfen will. Die Tonaufnahme, die Gewaltschutztrainerin Hildegard Schulz-Jungmann ihren Kursteilnehmern an diesem Donnerstagabend vorspielt, ist nicht nachgestellt. Es ist echtes Beweismaterial der Polizei, das Senioren vor dem so genannten Enkeltrick warnen soll.

"Selbstbehauptung beginnt im Kopf", sagt Schulz-Jungmann. In einem kleinen Raum im Untergeschoss der Völklinger Hans-Netzer-Halle sitzt sie mit sechs Senioren in einem Kreis. Fünf Frauen, ein Mann. Sie lauschen, blicken sich an, schütteln den Kopf. "Wenn es ums Geld geht, dann hört der Spaß auf", sagt eine der Teilnehmerinnen.

Schulz-Jungmann, die zum ersten Mal für das Völklinger Projekt BIWAQ einen Selbstbehauptungskurs für Senioren leitet, warnt: "Wenn jemand seine Identität nicht preisgibt und Sätze sagt wie ‚Rate mal, wer dran ist', dann sollten alle Alarmglocken schellen."

Es ist der zweite Kurstermin. Gestartet war die Gruppe am 2. März. Insgesamt werden es fünf Termine sein, jeweils anderthalb Stunden. Zum Auftakt kamen jedoch gerade einmal vier Teilnehmer, obwohl sich zehn angemeldet hätten. "In Völklingen hält sich das Interesse in Grenzen", sagt Schulz-Jungmann.

Nach einer kurzen Gesprächsrunde schlüpfen die Teilnehmer in ihre Sportschuhe und gehen rüber in die Halle. "Stopp!" Ein Schrei, der Grenzen setzen soll. Ein Arm wehrt ab, der andere schützt. Wer zu nah kommt, dem schmettert ein "Hau ab" oder "Geh weg" entgegen. Richtig laut zu werden, fällt den Teilnehmerinnen noch schwer. Der Mann, der anonym bleiben will, trifft den Ton schon ganz gut.

Doch ist Schreien wirklich immer sinnvoll? "Ja", sagt Schulz-Jungmann. Wer in Gefahr ist, müsse auf sich aufmerksam machen, sich Verbündete suchen.

Nächste Gefahrenstufe: Der Angreifer will sein Opfer festhalten. Drei Zweier-Gruppen formieren sich. Schulz-Jungmann zeigt die "Pendelübung". Wenn der Täter nach dem Handgelenk greift, kann sein Opfer mit einer Pendelbewegung ausweichen. Leichter gesagt als getan. "Das ist gar nicht so einfach", sagt Teilnehmerin Edith Jost, die die Übung mehrmals mit Kurskollegin Gertrud Becker wiederholt. Einige Teilnehmer drehen ihrem Angreifer den Rücken zu. Ein fataler Fehler, warnt die Trainerin und demonstriert, wie schnell ein Genickschlag das Opfer zu Boden zwingen kann. Dann hilft nur noch Selbstverteidigung. Etwas, was Schulz-Jungmann in den fünf Sitzungen bis Ende März nur anreißen wird. "Senioren sind mit Selbstverteidigungsübungen in der Regel überfordert." Deshalb wolle sie vor allem "Situationsplanung" vermitteln. Die Teilnehmer sollen lernen, auf brenzlige Situationen ohne Panik zu reagieren. Ein Rollenspiel zeigt, dass das auch innerhalb der Familie wichtig ist: Als resolute Großmutter bringt Edith Jost ihrer "Tochter" (Teilnehmerin Renate Müggenburg) glaubhaft bei, dass sie keine Zeit hat, auf das Enkelchen aufzupassen. Die Teilnehmerinnen gestehen sich hinterher ein: Familienangehörigen einen Wunsch abzuschlagen, ist gar nicht so einfach. "Ich bin immer so diplomatisch. Das ist nicht immer gut, oder?", fragt Marlene Schwartz. Schulz-Jungmanns Antwort: "Nein, weil Trickdiebe das ausnutzen." Mit der Zeitungsverkäuferin an der Haustür kennt Gertrud Becker keine Gnade. Teilnehmerin Christel Lenzen muss kapitulieren. Dagegen hat der Betrüger beim Teppichverkauf in der Wohnung von Edith Jost leichtes Spiel. Während Trainerin Schulz-Jungmann als vermeintliche Teppichhändlerin ihr Opfer Jost bezirzt, schleicht ein ungebetener Gast in die Wohnung. Die Frauen nehmen sich vor, nie wieder jemand Fremdes in die Wohnung zu lassen, wenn sie alleine sind. Dazu rät auch die Gewaltschutztrainerin, die ihren Schützlingen noch eine "Hausaufgabe" mit dem auf den Weg gibt: Sie sollen sich für den nächsten Kurstermin überlegen, wie sie mitten in der Nacht auf einen Einbrecher reagieren würden.

Können sie die Tipps von heute auch im Ernstfall anwenden? Die Frauen zucken mit den Schultern. Zufrieden sind sie trotzdem. Denn, wie sie unisono versichern, würden sie bei Gefahr von nun an in jedem Fall eines tun: schreien. Und zwar so laut es geht.

Zum Thema:

Selbstbehauptung für Senioren Erstmals bietet das Völklinger Projekt BIWAQ "Besser leben und arbeiten im Quartier" in Völklingen einen Selbstbehauptungskurs für Senioren an. In dem Kurs, der noch bis Donnerstag, 30. März, läuft, lernen die Teilnehmer unter anderem, wie sie auf Erpressungs. und Betrugsversuche reagieren können. Die Finanzierung übernehmen die Stadt Völklingen und das Diakonische Werk. Für fünf Kurstermine zahlen die Teilnehmer fünf Euro. Weitere Informationen gibt es unter Tel. (0 68 98) 9 14 76 21 oder im Internet unter der Adresse www.karateverband-saar.de