Eine Rebellion gegen den Menschen

Der Frühling ist da, zwar noch mit zeitweise recht frischen Temperaturen aber bereits mit paradiesischen Anblicken in den Gärten und Parks, wo die Natur blütenreich zu neuem Leben erwacht. Da könnte man doch gleich mal einen Ausflug ins Paradies machen, vor allem, wenn es gerade um die Ecke liegt, und zwar mitten im Weltkulturerbe Völklinger Hütte . Das Paradies liegt also in einer Hütte? Als das Paradies wird hier der wilde Landschaftsgarten bezeichnet, der sich seit der Stilllegung der Hütte im Jahr 1986 auf diesem Areal entfalten konnte. Ein Garten Eden zwischen verrosteten Rohrlabyrinthen, Schornsteinen, Kokskammern und den sechs Hochöfen, deren Einzigartigkeit dieser Industrieanlage übrigens den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes verleiht.

Im Monat April bot das Weltkulturerbe spezielle Exkursionen an, bei denen die Besucher nicht nur über die Geschichte der Völklinger Hütte einiges erfahren konnten, sondern auch über den Lebensraum von Pflanzen und Tieren, der sich hier in den Jahren gebildet hat.

So lebt zum Beispiel tatsächlich seit einigen Jahren eine Füchsin mit ihren vier Jungen auf dem Gelände der ehemaligen Kokerei. Einst hatte sie sich mit einem Besucherführer angefreundet, der ihr regelmäßig eine Portion Marmelade bereitstellte und dies auch heute noch tut. Einen Eistaucher gibt es hier außerdem und man glaubt es kaum, neulich hat hier jemand sogar Wildschweine gesichtet, so berichtet es Heinz Henne, Besucherführer im Weltkulturerbe Völklinger Hütte und Leiter unserer Exkursion. Ein erfahrener Besucherführer ist Henne, mit über 600 Führungen durch das Weltkulturerbe und den paradiesischen Garten. Mit der Energie eines Hochofens unterhält er die Besucher mit Geschichte und Geschichten der Völklinger Hütte. Verschmitzt lächelnd, zaubert er irgendwann die verschiedensten Erz- und Gesteinsproben wie etwa Lebacher Eier aus seiner blauen Frühstücksdose und nimmt die Besucher mit auf eine geologische Zeitreise bis zu den Galliern, bevor es schließlich an den Kokskammern vorbei in den Garten geht.

Das Besondere an diesem Garten liegt auch darin, dass man hier die Geduld spürt, mit der die Natur sich immer wieder den menschgegebenen Grenzen widersetzt, Brachliegendes wieder besiedelt, bis etwas völlig neues entstanden ist, zum Beispiel ein Wald oder eine Blumenwiese dort, wo einst flüssiges Eisen floss. Und dann ist da noch die Kunst, das heißt die Werke zahlreicher Künstler, die im Rahmen der Urban-Art-Ausstellung auf dem Gelände entstanden und nun teilweise mit der erblühenden Industrieanlage zu verschmelzen scheinen.

Zerfall stimmt viele Menschen melancholisch. Doch hier wird dem Zerfall etwas Wiederbelebendes bewusst entgegengesetzt. Die Natur erobert sich den Ort im Zeitlupentempo zurück. Fotos: Rich Serra.

Und irgendwann sitzt man da, in einer der "Ruhezonen" des Gartens auf einer der fast schon zu gemütlichen Bänke und lässt die Seele baumeln. Macht noch ein Foto von der Dotterblume vor verrosteten Wänden, und dann noch eins von den glitzernden Birkenblüten im Gegenlicht und dann - wo ist eigentlich der Rest der Gruppe - hat man sich plötzlich im Paradies verloren.