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Ein Völklinger schreibt KinogeschichteÄrger mit Eva und dem Frauenarzt

Völklingen. Die Kinogeschichte des Saarlandes ist eng mit dem Namen der Völklinger Familie Theis verbunden Von SZ-Mitarbeiter Jörg Heinze

Völklingen. Die Kinogeschichte des Saarlandes ist eng mit dem Namen der Völklinger Familie Theis verbunden. Sebastian Theis betrieb bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Kinos in Völklingen und war 1950 Gründer sowie viele Jahre lang Vorsitzender des Verbandes der Lichtspieltheater-Unternehmer des Saarlandes (ab 1966 Wirtschaftsverband saarländischer Filmtheater), dessen Sitz bis zuletzt in Völklingen war. Sein Sohn Günther Theis war der letzte Vorsitzende des Verbandes, ehe dieser 1997 mit dem Hauptverband Deutscher Filmtheater e.V. (HDF) verschmolz.Viele Weggenossen des heutige 82-jährigen Günther Theis leben längst nicht mehr, und mit ihnen sind auch viele Anekdoten aus den Hochzeiten, aber auch den Tiefpunkten der saarländischen Kinos verloren gegangen. Damit diese Ära nicht völlig in Vergessenheit gerät, hat Günther Theis vor zwei Jahren das gesamte Schriftgut des ehemaligen Verbandes von Kriegsende bis 1998 dem Völklinger Stadtarchiv überlassen - acht Umzugskisten voller Material: Akten, Schriftverkehr, Versammlungsprotokollen, Rundbriefe und vieles mehr. Stadtarchivar Achim Becker und in erster Linie sein Mitarbeiter Klaus Fritzen haben den Bestand innerhalb von zwei Jahren erschlossen, elektronisch verzeichnet und daraus ein so genanntes Findbuch erstellt. "Ein Findbuch ist eine Art Inventar, ein Verzeichnis, in dem Benutzer recherchieren können, wo sie welche Unterlagen finden", erklärt Becker. Die Unterlagen liegen katalogisiert in verschiedenen Sammelmappen in den Regalen des Archivs. Für den Archivar und Historiker Becker eine echte Fundgrube, weil die Unterlagen einerseits vieles über die Kulturgeschichte der Stadt Völklingen offenbaren - auch in Form von Bildern -, andererseits aber auch viel über die Beziehung von Kultur und Zensur der damaligen Zeit sowie Besonderheiten der saarländischen Geschichte vor der Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik erzählen. "Damals mussten wir beispielsweise Filme aus Deutschland importieren und verzollen", erklärt Experte Günther Theis. "Und obwohl die Filme in Deutschland schon durch die Zensur gelaufen waren, wurden sie hier noch einmal zensiert, ehe sie gespielt werden durften." Bis heute hat der Hauptverband Deutscher Filmtheater ein Büro in Völklingen. "Ich habe bereits veranlasst, dass die umfangreichen, aktuell aber noch benötigten Akten des HDF irgendwann nach meinem Tod und der Auflösung des Büros ebenfalls ans Völklinger Stadtarchiv gehen", erklärt Theis. Und mit einem Augenzwinkern in Richtung Achim Becker und Klaus Fritzen: "Dann bekommen Sie erst richtig was zu tun."Völklingen. Der Völklinger Günther Theis, 82, ist ein Stück lebende Kinogeschichte. Er kann so manche Anekdote zum Besten geben. Beispielsweise zur Zensur in den 1950er Jahren. 1951 kam der Film "Eva und der Frauenarzt" ins Kino - eine Mischung aus Drama und Erotik. "Der Film war erst ab 18 Jahren freigegeben, und die Kinobetreiber wurden angewiesen, ihn nur in getrennten Vorstellungen für Frauen und Männer zu zeigen", erzählt Theis. "Wir haben uns nicht daran gehalten und einfach ein Seil in der Mitte des Kinos gespannt. Links davon saßen die Damen, rechts die Herren. Doch das reichte den Sittenwächtern nicht. Als das rauskam, gab's einen Riesenärger", erzählt der 82-Jährige. Eine andere Geschichte hat ihm sein Vater - ein Kinopionier - überliefert. "Als 1928 die Versöhnungskirche im Rohbau war, schaffte es mein Vater, dass er ein Werbebanner für den Stummfilm-Klassiker 'Ben Hur' am Balkon des Kirchturms anbringen durfte", erzählt Theis. "Dummerweise wütete in der Nacht ein Sturm, der einen Teil des Banners vom Kirchturm fegte. Am nächsten Morgen hing dann nur noch das Wörtchen 'Hur' am Kirchturm. Auch das gab Ärger." hei


HintergrundSeit Anfang 2006 ist das Völklinger Stadtarchiv im 1. Obergeschoss des Alten Bahnhofs untergebracht. Dort allerdings sind die Platzverhältnisse sehr begrenzt. Nur etwa ein Drittel des Bestandes lagert hier, der Platz für gesichtetes und aufgearbeitetes Material geht langsam zu Ende. Ob das Archiv hier bleibt und dann vergrößert wird, oder ob ein anderer Standort gewählt wird, ist völlig offen. Hinzu kommt, dass durch die Haushaltssperre der Stadt derzeit auch keine Lösung in Sicht ist. Archivar Achim Becker hofft auf eine Entscheidung noch im Laufe dieses Jahres. Aus den genannten Spargründen liegen derzeit auch die Publikationen "Völklinger Schätze" auf Eis. "Wir können derzeit keinerlei Anschaffungen tätigen", erklärt Becker. "Wir arbeiten zwar an einer Ausgabe, aber ich gehe derzeit davon aus, dass 2009 höchstens eine Ausgabe erscheinen kann." hei