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Verpasste Chance
Ein Anruf genügt

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Kann man Versäumtes 20 Jahre später nachholen? Unser Autor denkt ja und wartet gespannt auf einen Anruf zweier unbekannter Schönen. Von Alexander Manderscheid

Alle waren ausgeflogen, das weiß ich noch, und ich saß allein in der Küche, aß Kümmel aus der Dose (fragen Sie nicht), kippelte mit dem Stuhl und hörte Radio. Es muss eine Art Offener Kanal gewesen sein, bei dem jeder mal mitmachen darf. Gefunden hatte ich ihn wie so alles in meinem Leben: durch wildes Rumprobieren. Ich war noch ziemlich jung, 16 vielleicht, und war musikalisch gerade bei den Neubauten und Exploited angelangt. Zumindest wusste ich damit, was „Goldene Zitronen“ sind. Nämlich eine Band.


Während ich mir also den puren Kümmel einwarf, machten im Radio zwei Mädels ihre Späße, legten Musik auf und dachten sich ein Gewinnspiel aus: Wer jetzt anruft, darf mit ihnen zusammen – und ohne in die eigene Tasche zu greifen – auf ein Goldene-Zitronen-Konzert in Saarbrücken. Dann warteten wir drei gespannt darauf, dass ich anrufe, denn offenbar hörte ich ihnen als einziger zu.

Die beiden Mädels sagten immer wieder die Telefonnummer durch, fragten, ob überhaupt jemand da draußen sei, lachten sich gegenseitig aus und gaben sich nach dem nächsten Lied noch einmal eine Chance. Nur ihr Telefon wollte nicht klingeln. Ich hätte einfach nur anrufen müssen, aber damals war ich noch nicht soweit.



Nach über 20 Jahren sieht das anders aus. Ich will mit. Ich habe nur die Nummer nicht mehr. Also müssen sich die beiden jetzt bei mir melden, und wir gehen zusammen auf ein Goldene-Zitronen-Konzert. Die Band ist schließlich auch noch am Start.