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Diese Winterreise lässt die Zuschauer frösteln

Diese Winterreise lässt die Zuschauer frösteln

Das Laientheater Titania ließ sich von Franz Schuberts „Winterreise“ inspirieren zu einem spannenden Bühnenstück. Als Stimmungsbild aus Deutschland im Winter 2016 bot das Werk alle Zutaten für einen packenden Premierenabend.

Der Komponist Franz Schubert hat für Angst Töne gefunden. Jürgen Reitz, saarländischer Schauspieler, Regisseur, Dramaturg, Autor, schrieb über Schuberts "Winterreise" einen Einakter. "Die Herausforderung bestand darin, aus abstrakter Musik konkretes Theater zu machen", sagt Reitz.

Das ist gelungen, darf der Völklinger Theatergruppe Titania nach der Premiere bescheinigt werden. Auch wenn einige Fragen offen blieben. Verschmähte Liebe, zielloses Wandern in Kälte und Finsternis, Ruhelosigkeit, Ängste, Todeswunsch. Schon das Schubert-Werk nach Texten von Wilhelm Müller wirkt ernst, bitter, düster, tief depressiv.

Reitz hat daraus einen kafkaesk wirkenden Gerichtsprozess gemacht. Der Winterreisende im schlecht sitzenden Anzug mit seinen kurz geschorenen Haaren und der verhaltenen Stimme, gefesselt im Käfig, wirkt bedauernswert. Die Staatsgewalt, Ankläger, Richter, Beisitzer, urteilt arrogant, hochnäsig, eiskalt, sichtlich gelangweilt und ungerührt vom vorgeführten Elend des Mannes.

Die Dialoge entstammen ausschließlich den bekannten Liedtexten und entwickeln als Sprechtheater große emotionale Kraft. "Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten", heißt es, und "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." Krähen schreien, Irrlichter locken auf Abwege, gefrorene Tränen fallen in Schnee, selbst die Erinnerung an den geliebten Lindenbaum ("Am Brunnen vor dem Tore") bringt keinen Trost.

Das Gericht bleibt zynisch, der angeklagte Flüchtling sinkt in sich zusammen, auf Milde darf er hier nicht hoffen. Eingespielte Musik untermalt die Schwere des Abends und der Rezitationen. Cello und Piano spielen anrührend und im Hörer nachklingend die bekannten Melodien aus der "Winterreise". Die lange Reise durch den Winter - hier den frostigen Gerichtsprozess - wird Sinnbild für die zunehmende innere Erstarrung des Mannes, eine Reise, die, man ahnt es, nur mit dem Tod ("Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück") endet. Stark gespielt, mit überraschenden dramaturgischen Kniffen, die nicht alle nachvollziehbar wirkten, und mit wunderbarer Schubert'scher Musik, wobei leider in den lauteren Passagen mancher Dialog der Schauspieler etwas unterging.

Fazit des Regisseurs: "Wir wollten mit diesem Stück auch einen Bezug herstellen zu aktuellen gesellschaftlichen Lage. Es gibt in unserem schönen Land leider sehr viele entwurzelte Menschen".

Weitere Vorstellungen am 25. November, 3. und 4. Dezember, jeweils um 19.30 im Theater im Alten Bahnhof Völklingen

Zum Thema:

Auf einen Blick Bei der Premiere wirkten mit: Frank Bennoit als angeklagter Flüchtling, Ingrid Korb als Staatsgewalt, Inge Fries, Gaby Bongard-Westermann, Steffi Biewer und Rita Rau als Richterschaft, Martin Rummel, Cello, Norman Shetler, Piano, Jürgen Reitz, Idee und Regie. et