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Die Sache mit den Haus-RückseitenZwei Generationen Zeit für die Neubelebung

Die Sache mit den Haus-RückseitenZwei Generationen Zeit für die Neubelebung

Völklingen. Wolken sind aufgezogen, kalter Wind weht um die Treppe zum Neuen Rathaus - der Völklinger Bürgermeister Wolfgang Bintz angelt rasch Mütze und Regenjacke aus dem Auto. Herbert Kiefer, Präsident der saarländischen Architektenkammer, bedauert, dass er den Mantel im Büro vergessen hat

Völklingen. Wolken sind aufgezogen, kalter Wind weht um die Treppe zum Neuen Rathaus - der Völklinger Bürgermeister Wolfgang Bintz angelt rasch Mütze und Regenjacke aus dem Auto. Herbert Kiefer, Präsident der saarländischen Architektenkammer, bedauert, dass er den Mantel im Büro vergessen hat. Egal, nach kurzem Warten auf die Nachzügler geht es los: Kiefer hat die Kammer-Mitglieder zum Rundgang durch die Völklinger Innenstadt eingeladen. Rund 15 Architekten und Stadtplaner aus dem ganzen Saarland haben sich den Nachmittag dafür freigenommen. Solche Rundgänge, sagt Kiefer, hat die Architektenkammer bereits in anderen Städten unternommen. Die Fachleute wollen dabei nicht als "Besserwisser" auftreten, sondern erstmal hinschauen und hinhören. Aber auch eigene Ideen beisteuern. Nicht ohne Eigennutz: "Es gibt 1000 Architekten im Saarland", sagt Kiefer lachend, "und die Hälfte davon ist selbstständig." Andrea Chlench, Stadtplanerin in Rathaus-Diensten, führt ihre Kollegen. Und zeigt auf, wo Sünden der Vergangenheit heute die Stadtgestaltung schwer machen. Zum Beispiel am Markt. In den 1960er, 1970er Jahren wollten Planer mal den Stadtgrundriss umkrempeln, die Nachfolger kehrten zum alten Konzept zurück - da stand die Post aber schon, ragt nun verquer in den Platz hinein. Die Gäste nicken, ja, das stört.Nachdenkliche Mienen vor dem Ex-Kaufhof, wo Chlench die City-Center-Pläne erläutert. Die drei niedrigen Kaufhof-Nachbarbauten in der Karl-Janssen-Straße sollen dem neuen Komplex weichen, ebenso mehrere Häuser in der Rathausstraße. Mit den Häuser-Käufen des Investors sehe es gut aus, deutet Chlench an, mit dessen Mieterwerbung auch. Also ist wahrscheinlicher geworden als noch vor ein paar Wochen, dass das Center tatsächlich kommt. Die Stadt, antwortet Chlench auf Architektenfragen, habe mit dem Investor einen Kaufvertrag geschlossen, der erst in Kraft trete, wenn das Projekt verwirklicht werde. "Der Cortenstahl ist gewöhnungsbedürftig", kommentiert jemand den neuen Eingang der City-Tiefgarage. Prüfend schweifen die Blicke über die Randbebauung des Kolping-Platzes. Kiefer lächelt verschmitzt: Ja, es sei gut, Freiflächen zu schaffen. Nur: "Dadurch liegen jetzt die Rückseiten der Gebäude frei. Und die waren halt als Rückseiten konzipiert." Kopfschütteln in der Poststraße: viel Durcheinander, baulich, bei der Verkehrsführung, bei der Stadtmöblierung. All das hat freilich seine Geschichte - mit wenigen Sätzen hat Chlench sie erklärt. Und erklärt gleich mit, wie schwierig es ist mit manchen privaten Hauseigentümern. Wenn die Poststraße umgestaltet wird - bald -, "werden wir uns nicht scheuen, alle Möglichkeiten des Baurechts auszuschöpfen", sagt sie. Mit Nachdruck. Welchen Eindruck haben Sie von Ihrem Völklingen-Besuch mitgenommen?Herbert Kiefer: Völklingen ist durch den Strukturwandel besonders gebeutelt worden. Es war ja mal eine florierende Stadt - das ist zusammengebrochen. Schwierig, aus dieser Situation städtebaulich etwas zu machen. Doch die Pläne und Projekte der Völklinger Stadtverwaltung gehen in die richtige Richtung. Man hat in Völklingen erkannt, dass vieles saniert werden muss, und man stellt sich dieser Notwendigkeit. Vielleicht etwas spät, ganz überraschend ist die Entwicklung ja nicht gekommen. Dafür aber, das ist mir aufgefallen, geht die Stadtplanung sehr engagiert zur Sache. In welchen Bereichen sind Sie mit Völklingen noch nicht zufrieden?Kiefer: Die Verkehrsstrukturen haben auf mich einen noch etwas unsortierten Eindruck gemacht: die Anbindung an die Autobahn 620 etwa, die Verknüpfung zwischen Stadt und Weltkulturerbe, die Hochstraße zum Globus, mit Parken drunter - das ist alles rein aufs Auto abgestellt, das könnte man menschlicher lösen. Können die Architektenkammer und ihre Mitglieder helfen?Kiefer: Ja und nein. Völklingens Stadtplanung folgt Ansätzen, die wir teilen. Oberlehrer wollen und können wir nicht sein, aber vielleicht Hinweise geben. Zum Beispiel auf Städte, in denen Stadtumbau gut gelungen ist, Ulm etwa. Wie lange muss man rechnen für Völklingens Neubelebung?Kiefer: Da braucht man schon zwei Generationen. In Freiburg arbeitet man seit 20 Jahren am Stadtumbau. Diese Zeit muss man auch Völklingen geben.