Die neue Herausforderung

Der Zustrom hat die kleine Warndt-Kommune überrascht. Doch die Großrosseler haben „ihre“ Flüchtlinge dennoch freundlich empfangen. Und bauen nun für sie auch das Karlsbrunner Warndthotel um.

Großrosselns Bürgermeister Jörg Dreistadt (Mitte) beim Besuch in der Völklinger SZ-Redaktion, im Gespräch mit den SZ-Redakteuren Bernhard Geber und Doris Döpke. Foto: Seeber. Foto: Seeber

Viele Baustellen, viele Debatten hat es während des zu Ende gehenden Jahres in Großrosseln gegeben - welches Thema war am wichtigsten in der Gemeinde? Beim Gespräch in der SZ-Redaktion zögert Bürgermeister Jörg Dreistadt (SPD ) keine Sekunde: "Die Flüchtlings-Situation", lautet seine Antwort. "Im Frühjahr ging es los", erinnert er sich, "vom Sommer an massiv": Weil die Landes-Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Lebach angesichts des enormen Zustroms aus allen Nähten platzte, wies das Land den Kommunen Kriegsflüchtlinge zu, die sie unterbringen müssen. Für das kleine Großrosseln - rund 8200 Einwohner - alles andere als einfach.

"Am Anfang hatten wir damit richtig Probleme", sagt Dreistadt. Nicht nur, weil die Gemeinde keine eigenen Wohnungen besitzt, auf die sie zugreifen könnte. In der Verwaltung habe die Fachkenntnis gefehlt, Sozialamts-Aufgaben habe man ja schon vor Jahren an den Regionalverband abgegeben. Zudem habe man im Rathaus zu wenig Personal gehabt für die zusätzliche Aufgabe.

Derzeit, berichtet Dreistadt, leben 92 Kriegsflüchtlinge im Warndt, "das ist etwa die Pflichtzahl", die Großrosseln nach dem landesweiten Verteilungsschlüssel aufnehmen muss. Zuvor waren es auch mal mehr. Und wenn Mitte Februar das ehemalige Karlsbrunner Warndthotel, das die Kommune als Flüchtlings-Herberge gekauft hat, fertig hergerichtet sei und damit mindestens 40 weitere Plätze für Flüchtlinge zur Verfügung stehen, "werden wir wieder voraus sein".

Am Wohn- und Sanitärbereich des Hotels sei zwar nicht viel zu tun, sagt Dreistadt. Wohl aber an Aufenthalts- und Küchenräumen. Es habe sich gezeigt, dass für WGs mehrere kleinere Küchen besser seien als eine Großküche - "man lernt ja", sagt er lächelnd.

Um dem Personalmangel rasch abzuhelfen, hat die Gemeinde zunächst auf provisorische Beschäftigung gesetzt: Ein 450-Euro-Jobber und ein Ein-Euro-Jobber kümmern sich um die Flüchtlinge . "Beide haben Arabisch als Muttersprache" - wichtig, um den Ankömmlingen etwa bei Behördengängen zu helfen, beim Lebensmitteleinkauf, beim Umgang mit dem öffentlichen Nahverkehr. Vom Februar an komme noch eine Sozialarbeiterin mit Vollzeit-Stelle hinzu. Zwei Verwaltungsmitarbeiter sind zuständig für Flüchtlings-Angelegenheiten, "aber alle anderen sind mitbetroffen, vom Bauamt bis zum Kämmerer", alle hätten deutlich mehr Arbeit.

Wie funktioniert das Zusammenleben? Problemlos, sagt Dreistadt. Was man mitunter auf Facebook oder sonstwo im Internet lese, habe mit dem Alltag wenig zu tun, "da wird geschürt", sagt Dreistadt. Er erlebe die Flüchtlinge als "unglaublich höflich". Und die Großrosseler als sehr hilfsbereit. Viele wollten gerne spenden oder sich ehrenamtlich engagieren. "Aber wir in der Verwaltung haben noch Probleme, das umzusetzen", räumt er unumwunden ein. Sachspenden lagern und koordinieren, Schulungen organisieren - "wir sind da noch nicht ganz so weit". Wenn die neue Sozialarbeiterin da ist, soll sie auch Ansprechpartnerin für Ehrenamtliche werden.

Wird Großrosseln, eine Gemeinde mit stetig schrumpfender Einwohnerzahl, durch die Flüchtlinge wieder wachsen? Das lasse sich kaum vorhersagen, meint der Bürgermeister. Als Großrosseler werden Flüchtlinge erst gezählt, wenn sie einen Aufenthaltstitel für mindestens ein Jahr haben. Von diesem Moment an genießen sie zugleich Freizügigkeit, können ihren Wohnort selbst wählen - und da, sagt Dreistadt, seien dann Ausbildung, Studium, Arbeitsmöglichkeiten oder die Nähe zu Verwandten ausschlaggebend: "Wir wissen nicht, ob wir sie halten können." > Weiterer Bericht folgt.

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