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Die Kläranalage Völklingen wird mit Hilfe von Tauchern gereinigt

Kläranalage Völklingen : Tauchgang in die Völklinger Kläranlage

Taucher aus Wien müssen in den dickflüssigen Klärschlamm hinab tauchen, um die Faultürme zu reinigen.

„Keine Panik, keinen Stress aufkommen lassen. Das ist das Wichtigste“, schildert Svetko Cavic. Er ist einer der Taucher, die am Mittwochvormittag in die Tiefen einer der zwei Faultürme der Kläranlage in Völklingen hinabtauchen. Fast eine Stunde wird er in zirka 15 Metern Tiefe im Klärschlamm arbeiten, bei 37 Grad Hitze und absoluter Dunkelheit. Denn sehen kann man auch mit der besten Taucherausrüstung nichts, in dem dickflüssigen, schwarz-braunen Schlamm. „Nach 20 Jahren Betrieb müssen die Faultürme nun gereinigt werden. Hier setzt sich auch das ab, was in der Toilette heruntergespült wird, hier aber eigentlich nichts zu suchen hat. Wie Feuchttücher, die sich nicht auflösen oder Ohrenstäbchen“, beschreibt Uwe Woll, Bereichsleiter für Abwasser des Entsorgungsverbands Saar.

45 von insgesamt 140 saarländischen Kläranlagen betreut der Ingenieur. Dennoch ist der Tauchgang auch für ihn ein außergewöhnlicher Vorgang. Die Faultürme sind für die Behandlung des Schlamms zuständig, der übrig bleibt bei der Abwasserreinigung. „Dabei legen wir sehr viel Wert auf eine Weiterverwertung aller Nebenprodukte, die hier entstehen. So nutzen wir zum Beispiel das Faulgas, das hier in den Faultürmen entsteht, zur Energiegewinnung in Blockheizkraftwerken. Der so entstandene Strom wird dann für die Pumpen und Gebläse in unserer Kläranlage genutzt“, erklärt Uwe Woll. Sogar die Abwärme, die bei diesem Prozess entsteht, nutze man zur Beheizung der Faulbehälter. Denn damit Bakterien, oder „kleine Fresserchen“, wie sie hier genannt werden, die Faulgase beim Zersetzen des organischen Materials erzeugen können, muss der Inhalt der Faultürme auf 37 Grad erhitzt werden.

So kommt Svetko Cavic nach fast 60 Minuten schweißgebadet wieder aus dem 21 Meter tiefen Faulturm empor gestiegen. Er trägt die 60 Kilo schwere Taucherausrüstung, die nun in schlammigem Braun „erstrahlt“. „Das ist wirklich enorm schweißtreibend, deshalb bleibt ein Taucher auch höchstens eine Stunde unten. Danach wird er vom nächsten Taucher abgelöst“, betont der Leiter des Umwelt-Tauchservices aus Wien, Anton Ulrich. Drei bis vier Tauchgänge dieser Art laufen hier pro Tag, das Ganze über vier Wochen hinweg, um zwei Faultürme zu reinigen. Hier wird die sogenannte „nasse Faulschlammräumung“ angewendet, eine der umweltschonendsten und effizientesten Arten, um einen Faulturm zu reinigen. Die Berufstaucher sind mit zwei Mammutpumpen tief unten im Schlamm unterwegs. Ohne „Betreuung“ durch einen Taucher würden die dünnflüssigen Teile des Schlamms zuerst abgepumpt, was zur Folge hätte, dass der Turm komplett geleert werden müsste, um an den unten abgelagerten dicken Schlamm heranzukommen. Durch die Trockenheit könnten so Risse im Beton entstehen, und der Faulturm müsste mindestens 90 Tage aussetzen. Bei der nassen Faulschlammräumung kann das nicht passieren. Der Taucher schaufelt den schweren Schlamm mit seinen Händen Richtung Pumpe. So bleibt im Turm mehr von dem biologischen Dünnschlamm, der hier mit seinen „kleinen Fresserchen“ zur Gasgewinnung gebraucht wird. Der abgepumpte Schlamm wird im Faulturm direkt durch das Einfließen von neuem Schlamm ersetzt, so dass der Druck im Behälter gleich bleibt und der Faulturm weiter in Betrieb bleiben kann. „Der Schlamm, der aus dem Turm abgepumpt wurde, kommt in einen Container, wo er zu festerer Biomasse gepresst wird. Diese wiederum wird verbrannt, womit erneut Energie gewonnen werden kann“, sagt Uwe Woll über das energieeffiziente System.

Ein langes Kabel, das in den Tauchhelm führt, sorgt dafür, dass die Taucher oben am Beckenrand über das „Tauchertelefon“ ständig in Kontakt mit Svetko Cavic stehen, der so auch in Notfällen Bescheid geben könnte. Orientieren kann er sich im „rabenschwarzen“ Klärschlamm nur mit seinem Tastsinn. Deshalb lernen die Taucher vorher auswendig, wie der Turm von Innen aussieht und haben ein Rohr zu rechter Seite und eine Leiter, um sich blind zurechtzufinden. „Bei unserem Job ist Vertrauen sehr wichtig. Denn man ist da unten ja praktisch in der Hand seiner Kollegen, die oben stehen. Unser Team arbeitet schon lange zusammen. Mindestens sieben Jahre sind alle schon dabei“, beschreibt Anton Ulrich seinen Trupp.

Taucher Svetko Cavic bekommt Hilfe von seinen Kollegen beim Anziehen des Taucheranzugs. Foto: Iris Maria Maurer
Die Kabel, die hier befestigt werden, dienen auch der Kommunikation über das „Tauchertelefon“. Foto: Iris Maria Maurer

Er hat zusammen mit seinem Sohn auch das neue System zum Durchmischen des Schlamms entwickelt, das nach der Reinigung in den Faulturm eingebaut wird. Das sogenannte „VaSo“ Umwälzsystem arbeitet mit einzelnen Segmentteilen auf Ketten, die für das optimale „Durchrühren“ des Klärschlamms sorgen können. „VaSo“ steht für Vater-Sohn, eine Generationenübergreifende Innovation, die die Gasgewinnung im Faulturm steigert, so dass sich die Kosten von zirka 300 000 Euro für das gesamte Projekt schon bald lohnen sollen. Woll: „Wir rechnen, dass wir die Summe in schon drei bis vier Jahren wieder drin haben. Das garantiert vorerst stabile Abwasserpreise für die rund 80 000 Einwohner, die die Kläranlage Völklingen versorgt.“