Die „Handstraußregel“ soll gelten

Völklingen · Beim geplanten Naturschutzgebiet Warndt fühlt der saarländische Umweltminister Reinhold Jost (SPD) sich missverstanden. Glasglocken-Naturschutz, versichert er im SZ-Gespräch, sei nicht beabsichtigt.

 Warndtwald bei Karlsbrunn: Wanderer an der so genannten Virginia-Allee, die aus amerikanischen Roteichen besteht. Foto: Döpke

Warndtwald bei Karlsbrunn: Wanderer an der so genannten Virginia-Allee, die aus amerikanischen Roteichen besteht. Foto: Döpke

Foto: Döpke

Betretungsverbot für den Warndtwald abseits der Wege, Pilze und Beeren sammeln künftig verboten - das wäre die Folge, wenn der aktuell in den politischen Gremien der Region diskutierte Entwurf in Kraft träte für eine Verordnung, mit der das saarländische Umweltministerium den Warndt als Naturschutzgebiet ausweisen will (wir haben ausführlich berichtet). Aber nein, so sei das nicht gedacht, widersprach Umweltminister Reinhold Jost (SPD ). Und kam persönlich in der Völklinger SZ-Redaktion vorbei, um seine Absichten zu erklären. Fachleute aus seinem Haus begleiteten ihn: Udo Weyrath, Referatsleiter Naturschutz , und Saarforst-Betriebsleiter Hans-Albert Letter. Josts Kernaussage im Gespräch: "Der Warndt war, ist und bleibt ein Bürgerwald."

Doch ehe er zum Warndt-Thema kommt, will Jost das "Dahinterliegende" umreißen. Nämlich das Netzwerk Natura 2000 der Europäischen Union, das in allen EU-Mitgliedsländern bedrohte Tier- und Pflanzenarten mitsamt ihren Lebensräumen schützen und diese Schutzgebiete vernetzen soll. Als Teil dieses Netzwerks wurde der Warndt 2003/04 angemeldet, 2004 von der EU anerkannt, "eine von 126 Flächen" im Saarland - "und keine Fläche kann man wieder abmelden". Binnen sechs Jahren hätten diese Gebiete förmlich unter Schutz gestellt werden müssen. Das sei aber nicht passiert. "Fakt ist, dass wir uns durch dieses Nichtstun in einem aktuellen Vertragsverletzungsverfahren der EU befinden", sagt Jost. Das könne eine Strafe von mehreren Hunderttausend Euro pro Monat nach sich ziehen. "Und ich kann mir jetzt aussuchen, wer mir den Hintern versohlt", vom Naturschutz Betroffene oder die EU.

Bis Jahresende solle nun alles "rechtssicher" geregelt werden. Dabei, sagt Jost, gelte, dass man "miteinander statt übereinander" rede. Kommunen und andere Betroffene kämen zu Wort. Die Stellungnahme-Frist für Großrosseln sei bis 8. März verlängert worden. Und Einwände würden eingearbeitet. So auch beim Warndt. "Unser Ansinnen ist nicht, den Wald vor den Bürgern zu verschließen", versichert Jost. Betretungsverbote werde es nicht geben. Überhaupt: Am Ende, nach der förmlichen Unterschutzstellung des Gebietes, "werden die Verbote nicht über das hinausgehen, was wir jetzt haben".

Im aktuellen Verordnungs-Entwurf liest sich das freilich ganz anders. Warum ist dieser Text denn so restriktiv formuliert, wenn man es doch gar nicht so will? Man sei doch erst am Anfang des Verfahrens, sagt Jost dazu nur. Es gelte, gewerbliche Beeren- oder Pilzsammler aus dem Wald herauszuhalten, wirft Udo Weyrath ein. Aber denen untersagen doch eh schon Gesetze die Ernte? Ja, räumen die Ministeriumsgäste ein.

Jost verspricht jedenfalls, seine Absichten klarzustellen: "Wir werden sagen, was wir meinen." Schriftlich. Nach der "Handstraußregel" des Bundesnaturschutzgesetzes (siehe "Auf einen Blick"), und Jost bietet "zum Zitieren" gleich eine Formulierung an: "Ein Verbot des Sammelns von Kräutern, Beeren und Pilzen zum Eigengebrauch bei schonender Entnahme war und ist nicht vorgesehen." > Weiterer Bericht folgt.

Meinung:
Nein zu Rotkäppchens Oma

Von SZ-Redakteurin Doris Döpke

Familiensonntage im Wald zählen zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Bei gutem Wetter quer durchs Unterholz, auf der Suche nach Maiglöckchen oder Walderdbeeren - für uns Kinder war das Abenteuer, für die Eltern entspannende Abwechslung vom Stadtalltag. Mit sonst ungekannten Herausforderungen ("die Brennnesseln stehen verflixt hoch"), mit Überraschungen ("oh, wir kommen an anderer Stelle raus, als ich dachte"). Am Schluss ein Strauß süß duftender Blumen, ein Schälchen winziger, aber unvergleichlich aromatischer Früchte - eine ideale Annäherung an Natur.

Kindern im Warndt wird dieser lockere Zugang zur Natur verwehrt bleiben, wenn die geplante Naturschutzgebiet-Verordnung in ihrer jetzigen Form in Kraft tritt. Denn nach deren Buchstaben - und nur der gilt! - darf niemand mehr querfeldein den Warndtwald durchstreifen. Der aktuelle Verordnungstext sagt, wie Rotkäppchens Großmutter, "geh' nicht vom Wege ab", in aller Strenge.

So sei es nicht gedacht, hat Umweltminister Reinhold Jost (SPD ) im SZ-Gespräch erklärt, der Warndt solle Bürgerwald bleiben. Warum schreiben die ministerialen Naturschützer denn nicht gleich, was sie meinen? Sie machen das doch nicht zum ersten Mal, sie haben zuvor schon so manches Schutzgebiet für Natur und Landschaft ausgewiesen. Und sie haben Juristen zur Hand. Da müssten sie wissen, was ihre Formulierungen - als Rechtsvorschriften - bedeuten.

Der Warndtwald, gut 50 Quadratkilometer groß, ist Lebensraum für gut 25 000 Menschen, die dort wohnen, und Erholungsgebiet auch für Saarbrücker. Wer den Wald besucht, kommt mit Entdeckerlust. Da weckt es Proteste, wenn Naturschützer Rotkäppchens Oma spielen. Minister Jost wird seine Verordnung von Grund auf umschreiben müssen. Im Warndt, hat er versprochen, soll es künftig nicht mehr Verbote geben als jetzt. Nehmen wir ihn beim Wort. Damit auch heutige Kinder später an Wald-Abenteuer zurückdenken können.

 Ministeriums-Gäste am Redaktionstisch, von links: Udo Weyrath, Referatsleiter Naturschutz, Umweltminister Reinhold Jost (SPD) und Saarforst-Betriebsleiter Hans-Albert Letter. Foto: Becker&Bredel

Ministeriums-Gäste am Redaktionstisch, von links: Udo Weyrath, Referatsleiter Naturschutz, Umweltminister Reinhold Jost (SPD) und Saarforst-Betriebsleiter Hans-Albert Letter. Foto: Becker&Bredel

Foto: Becker&Bredel

Zum Thema:

Auf einen BlickDie "Handstraußregel" steht in § 39, Absatz 3 des Bundesnaturschutzgesetzes. Sie lautet: "Jeder darf . . . wild lebende Blumen, Gräser, Farne, Moose, Flechten, Früchte, Pilze , Tee- und Heilkräuter sowie Zweige wild lebender Pflanzen aus der Natur an Stellen, die keinem Betretungsverbot unterliegen, in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen." red

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