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Kolumne
Der Zünsler geht um

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Ein ostasiatischer Kleinschmetterling nistet sich in unseren Gärten ein. An ihm ist allenfalls sein Name komisch. Die Mehrarbeit, die er Pflanzenfreunden beschert, ist es nicht. Von Michèle Hartmann

Tief hinab gebeugt steht einer meiner Nachbarn in seinem Vorgarten – mit Einmachglas und Grillzange. Wobei nicht sofort ersichtlich ist, was er da treibt. „Was ernstest du denn da?“, frage ich neugierig. „Ich ernte nicht, ich sammele den Buchsbaumzünsler ein.“ Buchsbaumzünsler, aha. Schon wieder so ein Wort, das  aus vier Silben besteht. Gerade so wie der Weißwurstzutzler, der mir immer dann in den Sinn kommt. Das ist zumeist ein Bayer, der das Innere der Wurst aus der Pelle saugt. Der Preuße nimmt lieber Messer und Gabel.


Mit einer ausgedienten Grillzange wird also der ostasiatische Kleinschmetterling aus dem Gebüsch gezerrt. Die bisherige Ausbeute  ist beachtlich, wie man sieht, der Erfolg, der den Jagdeifer begleitet,  wohl eher mäßig. Weil davon auszugehen ist, dass andere Buchsbaum-Viecher übersehen werden oder ihre Kollegen aus anderen Buchsbäumen das Werk vollenden: den beim Vorgartenbesitzer gefürchteten Kahlfraß. Als wir uns so austauschen im Angesicht  der bedrohten Vorgarten-Idylle, versucht das eine oder andere kleine, hungrige Lebewesen, wieder aus dem Glas zu krabbeln. Doch mit der Grillzange kriegt es eins übergebraten und gleitet hinab  in die Tiefen seines Verlieses.

Zuhause schaue ich im Vorgarten in die eigenen Buchsbäume. Und entdecke nichts. Gar nichts. Schade, denn ich kann die Gewächse schon lange nicht mehr leiden. Mal den Nachbarn fragen, ob er mir ein paar Zünsler „leiht“. Vielleicht kann man sich mal mit Krätzmilben revanchieren. Die sind ja auch stark im Kommen.