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Der Vorleser mit dem Ping-Pong-Effekt

Der Vorleser mit dem Ping-Pong-Effekt

Wenn es weihnachtet, ist Gernot Richter sehr gefragt. Der Mann mit der sonoren Stimme, der vor vielen Jahren vom Rhein an die Saar gezogen ist, liest vor allem Kindern Geschichten vor. Dennoch ist die kalte Jahreszeit nicht unbedingt sein bester Freund.

Gernot Richter sitzt am Wohnzimmertisch seiner Wohnung in Wehrden vor einem Stapel Kinder- und Jugendbücher. Sein Blick geht hinaus in den trüben Dezembertag. "Jetzt eine Erkältung mit Husten und Heiserkeit - das hätte mir gerade noch gefehlt", seufzt er.

Die Sorge ist berechtigt. Denn Richter ist, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, als Geschichtenerzähler und Vorleser für Kinder sehr gefragt. Dass ein Finger der rechten Hand bandagiert ist, stört ihn dabei nicht. "Mein wichtigstes Arbeitsgerät sind meine Stimmbänder", sagt er, und er sagt es zum Glück weiterhin mit der angenehm sonoren Stimme, die Völklinger Schulkindern inzwischen sehr vertraut ist.

Bis Richter seine endgültige Heimat in Völklingen und in seiner Rolle als Geschichten-Darsteller gefunden hat, waren einige Umwege nötig. In Bingen am Rhein wurde er 1952 geboren, dort erlernte er den Beruf Maschinenschlosser, den er aber wegen Krankheit aufgeben musste. Nach einer Umschulung zum Erzieher begann für ihn eine "beruflich sehr glückliche Zeit", wie er feststellt: 21 Jahre war er in der Blindenschule Lebach tätig. "Dort habe ich das plastische Lesen immer weiter optimiert, und ich genieße bis heute den Ping-Pong-Effekt zwischen meinem Vortrag und der Resonanz der Zuhörer", sagt er. Vor 14 Jahren musste er jedoch auch diese Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, was ihm sehr schwer gefallen sei.

Kontinuierlicher dagegen verlief sein persönliches Leben: Seit 37 Jahren ist er mit seiner Frau Elisabeth verheiratet, einer Wehrdenerin, der er nach Völklingen folgte. Zwei Söhne und zwei Enkel komplettieren das private Glück. Auf die Frage, ob die Dame des Hauses, die auch über eine angenehme Stimme und gute Artikulation verfügt, ihren Mann bei Bedarf vertreten könne, wehrt sie lachend ab: "So richtig gut kann das nur er!"

Und was kann nur er? Die Stimme benutzen, das ist es nicht alleine. Richter schlägt ein Buch auf und liest vor, indem er den Text belebt. Jede Figur erhält eine Stimme, er wirft ohne Rücksicht auf den kranken Finger die Hände in die Luft, die Mimik passt sich an, der Blick hält Kontakt zum Zuhörer. Er liest die Geschichte wie soeben erfunden, staunt, jubelt, zürnt, erschrickt. "Man muss das Kindhafte in sich selbst bewahren", sagt er dann. Das ist ihm gelungen, und das ist das Beständige in Gernot Richters wechselhaftem Werdegang vom Maschinenschlosser bis zum Lesepaten der Stiftung Lesen. Und dann kramt er ein Eukalyptusbonbon aus der Tasche. Damit das Werkzeug weiter schön sonor bleibt.