Der Hausarchitekt der Röchlings

Man muss bedenken, dass er zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt war", sagt Helga Gardlo aus Saarbrücken über ihren Großvater Hans Großwendt. Der kam als junger Mann nach Völklingen, um für die Röchling'schen Eisen- und Stahlwerke zu bauen. Denn die Tausende, die hier arbeiteten, brauchten ein Dach überm Kopf - eins, das nicht zu weit von Hochofen und Werkbank entfernt war

 Wilhelminische Architektur der verspielten Art, mit spitzem Fachwerk-Giebel und modischem Fassadenschmuck: eines von Großwendts so genannten Meisterhäusern in Wehrden. Foto: Barbian
Wilhelminische Architektur der verspielten Art, mit spitzem Fachwerk-Giebel und modischem Fassadenschmuck: eines von Großwendts so genannten Meisterhäusern in Wehrden. Foto: Barbian

Man muss bedenken, dass er zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt war", sagt Helga Gardlo aus Saarbrücken über ihren Großvater Hans Großwendt. Der kam als junger Mann nach Völklingen, um für die Röchling'schen Eisen- und Stahlwerke zu bauen. Denn die Tausende, die hier arbeiteten, brauchten ein Dach überm Kopf - eins, das nicht zu weit von Hochofen und Werkbank entfernt war. Er war der "Hausarchitekt Röchlings", sagt sie: Großwendt baute in dessen Auftrag Wohnsiedlungen für Arbeiter und errichtete Häuser für Angestellte, höhere Hüttenbeamte und Direktoren. Seine Enkelin fasst zusammen, was bis heute sichtbar blieb: "Er hat das Bild der Stadt geprägt. 400 Häuser gebaut." Für ihn mussten Schönheit und Funktion zusammenkommen, "und er hat schon sehr ökologisch gebaut": Er habe stets auf Grünflächen und Bäume in seinen Siedlungen Wert gelegt. Sie hat diese Qualität als Kind noch selbst erfahren, als sie mit ihren Eltern in der Siedlung in der Beethovenstraße lebte. "Früher war die kleine Grünfläche in der Mitte "ein wunderschöner Spielplatz für die Kinder der Straße", erinnert sie sich, "jetzt ist dort ein Parkplatz", fügt sie hinzu. Damals lebte auch ihr Großvater dort. Im drittletzten Haus der Straße hatte sich Hans Großwendt eingerichtet und nach seinen Bedürfnissen das Haus gebaut: "Es hatte eine Garage." Das ist heute selbstverständlich; aber in einer Zeit, als es in Völklingen drei Autos gab - "eines hatte Kommerzienrat Röchling, das andere der Hüttendirektor Dr. Reimann und das dritte mein Großvater" -, war das noch eine Seltenheit. Auch gab es an der Rückseite einen Erker und im Garten einen Goldfischteich, erzählt sie. Doch war das nicht der einzige Wohnort des Großvaters, weiß sie. "Er hat auch in der Hofstattstraße gewohnt", erzählt Gardlo. Auch in Wehrden, in einem der so genannten Meisterhäuser in der Saarstraße, habe er gewohnt, wahrscheinlich im Haus Nummer 9; erst neulich habe sie Unterlagen gefunden, die darauf hinweisen. Dass das Völklinger Stadtgebiet im Krieg weitgehend von Bombenangriffen verschont blieb, hat auch das Werk Großwendts erhalten. Nachdem Gardlos Großvater 1939 nach Freudenstadt verzog, weil dort ein Teil seiner Familie lebte, geriet sein Werk in Völklingen nicht in Vergessenheit. Großwendts Sohn Werner, Helga Gardlos Vater, war ebenfalls Architekt; er stand in Diensten der Röchling'schen Eisen- und Stahlwerke und kümmerte sich bis in die 1970er Jahre um den Erhalt der Gebäude. Sie selbst hat ihren Großvater später oft in Freudenstadt besucht. Ein arbeitsamer Mann blieb er auch in seinen späteren Jahren, als er am Wiederaufbau Freudenstadts mitwirkte und im heimischen Garten arbeitete: "Sonst werden meine Hände steif", hieß es dann, erinnert sich Gardlo. Doch unter den fast 400 Gebäuden, die er in Völklingen errichtete, mag es auch ein Lieblingsobjekt gegeben haben. Seine Enkelin überlegt nicht lange und nennt einen Gebäudekomplex, in dem sich Wohlgestalt und Funktion verbinden. Erstaunlicherweise stammt dieser aus dem Jahr 1905, dem Jahr, in dem Großwendt in Völklingen begann: "Ich denke", sagt Helga Gardlo, "es sind die Häuser in der Richardstraße."