Das Leben nach dem Überleben

Quierschied/Velsen. Montag, 2. März 1959, in Lauterbach: Leni Hermann ist morgens zu ihrer Mutter gegangen. Zum Wäsche waschen, weil das junge Paar noch keine Maschine hat. Ihr Mann Edi, damals 26, ist Schießmeister auf dem Bergwerk Velsen. An diesem Morgen setzt er in einem Kohleflöz zur Sprengung an. Kurz vor zwölf Uhr ist es

Quierschied/Velsen. Montag, 2. März 1959, in Lauterbach: Leni Hermann ist morgens zu ihrer Mutter gegangen. Zum Wäsche waschen, weil das junge Paar noch keine Maschine hat. Ihr Mann Edi, damals 26, ist Schießmeister auf dem Bergwerk Velsen. An diesem Morgen setzt er in einem Kohleflöz zur Sprengung an. Kurz vor zwölf Uhr ist es. Und da kommt ein Nachbar mit der Nachricht in Leni Hermanns Elternhaus: "In Velsen ist ein Unglück passiert." Die Opfer seien ins Völklinger Knappschaftskrankenhaus eingeliefert worden.Unter der Sauerstoff-GlockeDieses Krankenhaus, bereits vor Jahrzehnten nach Püttlingen verlegt, lag damals (in etwa) auf dem Gelände des heutigen Globus. Leni Hermann fährt mit dem Bus nach Völklingen. Der Bus wird am Bahnhof aufgehalten. Vorsichtshalber hat die Polizei rund ums Krankenhaus abgesperrt. Aber die Ehefrau lassen die Beamten durch. Dann sieht Leni Hermann ihren Mann. "Er lag gerade unter einer großen Glocke, über die er Sauerstoff bekam, und war ganz mit Verbänden zugewickelt", erinnert sie sich. 47 Prozent seiner Hautoberfläche waren verbrannt. Hermann zählte damit zu den zwei Schwerstverletzten. Aber er hatte überlebt - wie weitere sechs Kameraden im Streb, die nach damaligen Zeitungsberichten aus Diefflen, Differten, Neuforweiler, Piesbach und Großrosseln stammten. Wie es ihnen heute geht, weiß Edi Hermann nicht mehr: "Der Kontakt ist verloren gegangen." Auch wenn damals, auf Velsen, eine "tolle Kameradschaft" herrschte. Und sofort nach dem Unglück im Streb Helfer zur Stelle waren.Vorahnung von LuisenthalZurück zum 2. März 1959, 9.30 Uhr, unter Tage in der Grube Velsen: Es gibt noch nicht die heutigen Abbaumaschinen. Schießmeister Edi Hermann hat den Auftrag, Kohle aus einem 4,50 Meter mächtigen Flöz herauszusprengen. Er zündet - und unmittelbar darauf folgt eine Schlagwetterexplosion. Wahrscheinlich hatte sich Methangas in den Sprenglöchern gesammelt, die bereits zwei Tage zuvor gebohrt worden waren. Aber, so erinnert sich Hermann: "Glücklicherweise war die Kohle in der Nacht zuvor unter Hochdruck eingenässt worden. Der Kohlestaub konnte nicht explodieren. Sonst wäre Luisenthal schon früher gewesen." Luisenthal - das war eine Katastrophe, an die sich heute noch die Welt erinnert. Am 7. Februar 1962 waren im Bergwerk Luisenthal 299 Bergleute bei einer Schlagwetterexplosion ums Leben gekommen. Eine lange LeidenszeitDie Explosion auf Velsen forderte keine Todesopfer. Aber für Edi Hermann und Mitbetroffene begann eine lange Leidenszeit. Rund zwei Lebensjahre verbrachte Hermann in der Knappschaftsklinik in Quierschied, musste 27 Operationen erdulden. Als besonders schwierig erwies es sich, die Hände wieder einigermaßen funktionstüchtig herzustellen. Um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden, wurde eine damals neuartige Transplantationstechnik angewandt. Eine Hand wurde sozusagen an die Leiste, die andere bis zur Schulterhöhe angenäht. Zuvor war dort die Haut abgehoben worden, um auf den Händen anzuwachsen. Und die Stellen darunter wurden mit an den Beinen entnommener Haut abgedeckt. Zu allem Unbill musste sich Hermann als Schießmeister auch noch in einem langwierigen Ermittlungsverfahren rechtfertigen. Das schließlich ergab, dass er keinerlei Schuld an dem Unglück trug.Hermanns Gesundheit konnte nie wieder ganz hergestellt werden. Doch nachdem er 1962 aus dem Krankenhaus entlassen wurde, arbeitete er wieder in leichten Tätigkeiten über Tage auf der Grube, half er auch, soweit es ihm möglich war, beim Bau des eigenen Hauses auf der Juchhöh mit. "Und Weihnachten 1964 waren wir dann drin", erinnern sich Edi und Leni Hermann. Die Frau trug als Arbeiterin und Angestellte zum Lebensunterhalt der Familie bei.Doch noch einmal schien das kleine Glück gefährdet. Die Bundesknappschaft kam auf den Gedanken, Edi Hermann die Rente zu kürzen. Bis dann das Sozialgericht des Saarlandes im Oktober 1983 entschied, dass Hermann die volle Knappschaftsrente wegen Erwerbsunfähigkeit zu zahlen seiImmer Zeit für die KinderAuch nach seinem schweren Unfall war Edi Hermann in vielen Lauterbacher Vereinen, vor allem beim Roten Kreuz und der Seniorenbegegnung, aktiv. Aber inzwischen haben ihn gleich mehrere Schlaganfälle und Infarkte getroffen. Deshalb bevorzugt Hermann mittlerweile die häusliche Ruhe. "Aber die Kinder", Urenkelin Melina (3) ist das jüngste, " können gerne immer kommen."

 Markante Überbleibsel: Die frühere Grube Velsen, Gebäudeteile einschließlich Förderturm blieben erhalten, beherbergt heute unter anderem ein Erlebnisbergwerk. Foto: Delf Slotta
Markante Überbleibsel: Die frühere Grube Velsen, Gebäudeteile einschließlich Förderturm blieben erhalten, beherbergt heute unter anderem ein Erlebnisbergwerk. Foto: Delf Slotta
 Edi und Leni Hermann beim Gespräch in ihrem Wohnzimmer in Lauterbach. Foto: Jenal
Edi und Leni Hermann beim Gespräch in ihrem Wohnzimmer in Lauterbach. Foto: Jenal
 Markante Überbleibsel: Die frühere Grube Velsen, Gebäudeteile einschließlich Förderturm blieben erhalten, beherbergt heute unter anderem ein Erlebnisbergwerk. Foto: Delf Slotta
Markante Überbleibsel: Die frühere Grube Velsen, Gebäudeteile einschließlich Förderturm blieben erhalten, beherbergt heute unter anderem ein Erlebnisbergwerk. Foto: Delf Slotta

HintergrundAnfang der 60er Jahre förderte das Bergwerk Velsen mit einer Belegschaft von 3100 Berglauten noch rund 4500 Tonnen Kohle pro Tag. 1965 verlor die Grube ihre Selbstständigkeit (zu Gunsten des neuen Bergwerks Warndt) und wurde als Förderstandort stillgelegt. Gebäudeteile einschließlich Förderturm sind noch bis heute erhalten. Neben der früheren Grube entstand die Abfallverbrennungsanlage Velsen. Am Standort blieb ein Erlebnisbergwerk, dessen Besuch Edi Hermann übrigens wärmstens empfiehlt. erAuf einen BlickSchwere Grubenunglücke im Saarland: 17./18. März 1885: Grube Camphausen, 180 Tote. 28. Januar 1907: Grube Reden, 150 Tote. 16. März 1907: Mathildeschacht bei Püttlingen, 22 Tote25. Oktober 1930: Grube Maybach: 100 Tote. 2. Januar 1941: Grube Frankenholz, 41 Tote.23. Dezember 1949: Grube Ensdorf, 20 Tote.6./7. Februar 1962: Luisenthal, 299 Tote. 16. Februar 1986: Bei einer Schlagwetterexplosion in der Grube Camphausen sterben sieben Bergleute. red