„Das ist doch Augenwischerei“

Eine einheitliche Ausbildung aus Kinderkranken-, Alten- und Krankenpflege – so will es die Bundesregierung ab 2018 handhaben. Die große Koalition in Berlin sieht die neue Regelung als Chance, die Pflegekräfte hingegen nicht.

Seit Januar gilt die neue Reform der Pflegeausbildung in Deutschland. Sie sieht vor, den Beruf des Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegers zu vereinheitlichen. Doch der erste Ausbildungsjahrgang zum Pflegefachmann oder -fachfrau soll erst 2018 starten. Während die große Koalition darin eine enorme Chance sieht, den Beruf des Pflegers attraktiver zu gestalten, stößt die Zusammenlegung bei Pflegern aus den SHG-Kliniken in Völklingen auf Unmut.

Sina Wagner, Auszubildende im dritten Lehrjahr, findet es zwar gut, verschiedene Einblicke in die jeweiligen Berufstypen zu erhalten, dennoch kratze die Ausbildung dann doch eher an der Oberfläche. Sie sei froh, eine reine Krankenpflegeausbildung zu machen. "Ein richtiges Fachwissen kann mit der neuen Ausbildung nicht vermittelt werden", kritisiert die 24-Jährige. Sie rätselt, wie die Reform im Saarland umgesetzt werden soll. "Kinderkrankenhäuser sind hierzulande rar gesät, wie sollen dann alle Pfleger gleich in den drei Kategorien unterrichtet werden?", sagt sie.

Die stellvertretende Stationsleiterin der Inneren Medizin, Sandra Schröder, stimmt ihr zu. Sie glaubt, dass diese Vereinheitlichung der Berufe nur möglich sei, wenn die Ausbildung um mindestens einzwei Jahre verlängert werde. Sonst leide definitiv die Qualität, auch wenn die Regierung genau das Gegenteil behaupte. "Das ist doch Augenwischerei", sagt die 39-Jährige. Denn die neue Ausbildung sehe mehr Theorie als Praxis vor. "Um den Beruf zu erlernen, braucht man aber gerade den Bezug zur Praxis, Erfahrung im Team und den Umgang mit echten Patienten. Da helfen keine Fallbeispiele", redet sich Schröder in Rage.

Jennifer Martinez, Krankenpflegerin der Kardiologie, sieht das ähnlich: "Ich finde, schon jetzt ist es schwierig, den Stoff in drei Jahren durchzukauen. Wie soll das erst sein, wenn noch die Alten- und Kinderkrankenpflege dazukommen?", sagt die 28-Jährige.

Die Pflegekräfte werden nach der neuen Ausbildung als Pflegefachmann oder Pflegefachfrau bezeichnet. "Das verwirrt die Leute doch nur. Für die einen sind wir Pflegekräfte, für die anderen Krankenschwestern, jetzt auch noch Pflegefachfrau?", fragt Martinez. Prestige oder Ansehen erhalte der Beruf dadurch nicht.

Auch die besseren Chancen im Ausland sehen die drei Pflegefachkräfte nicht durch die Umstellung. "In Spanien oder Portugal sind Pfleger studierte Kräfte, da kann die neue Ausbildung in Deutschland nicht mithalten", sagt Schröder.
Personalnot und geringer Lohn

Die Arbeitsplätze in der Altenpflege, wo aktuell Personalnot besteht, attraktiver zu machen, sei ein Ammenmärchen. "Die Altenpflege ist ein schwieriger Job. Die Pflegeheime sind unterbesetzt, Pfleger werden nicht ausreichend vergütet", schildert Martinez die Situation. Da helfe auch nicht, die Ausbildung zusammenzulegen. "Eine Freundin von mir arbeitet in der Altenpflege. Sie ist 25 und hatte jetzt schon ihren ersten Bandscheibenvorfall", sagt die 28-Jährige. Da müssten andere Reize wie ein besseres Gehalt her, um den Job attraktiver zu machen. "Das ist so typisch. Erst jetzt wird sich Gedanken gemacht, wenn das Wasser eigentlich schon bis zum Hals steht", sagt Schröder.

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HintergrundDie Pflegeausbildungsreform gilt in Deutschland seit 1. Januar 2016. Sie sieht vor, die Ausbildung für Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege zusammenzulegen. Nach abgeschlossener Ausbildung können sich die Auszubildenden Pflegfachmann oder -frau nennen. Der erste Ausbildungsjahrgang soll 2018 starten. Die Regierung will mit einer einheitlichen Ausbildung so insbesondere den Beruf des Altenpflegers attraktiver machen. sum