Blechlawinen in der Poststraße

Die Einführung der Fünf-Tage-Woche hat dazu beigetragen, dass in Völklingen das Auto an die Stelle von Bus und Bahn trat. Das und mehr war in einem Vortrag über Völklingens Verkehrspolitik von 1950 bis 1980 zu erfahren – sie prägt das Stadtbild bis heute.

"Der Verkehrsstrom wächst uferlos", schreibt der Völklinger Anzeiger im September 1960. Mit der Schlagzeile beginnt Michael Röhrig am Donnerstagabend seinen Vortrag über die Völklinger Verkehrspolitik der 1950er bis 1970er Jahre. Der Kulturwissenschaftler arbeitet am Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschichte der Universität des Saarlandes . Im Rahmen seiner Masterarbeit hat er sich mit der Massen-Motorisierung in der Hüttenstadt beschäftigt. Seit dem vorigen Jahr ist er auch Mitarbeiter im Völklinger Stadtarchiv.

Der erwähnte Zeitungsartikel klagt über überfüllte Straßen und die steigende Zahl von Verkehrsunfällen. Im Jahr 1952, erläutert Röhrig im Alten Rathaus, gab es in Völklingen 430 Kraftfahrzeuge. Die meisten davon waren Motorräder. Zehn Jahre später waren bereits 4000 Personenwagen zugelassen.

In den 1950er Jahren spielte der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) noch eine große Rolle, 1958 erreichten die Fahrgastzahlen ihren Höhepunkt. Danach aber ging es bergab. Wegen der Stilllegung der Straßenbahn und des reduzierten Berufsverkehrs, nachdem die Fünf-Tage-Woche eingeführt worden war. Vor allem aber wegen der Konkurrenz des Autos. Röhrig spricht von einer "bewussten Abwanderung" vom ÖPNV zum Auto . Ein Foto zeigt eine Blechlawine , die sich um 1967 durch die Poststraße wälzt.

Durch den Neu- und Ausbau von Straßen sollte mehr Platz geschaffen werden. Bäume und Bürgersteigflächen mussten Parkstreifen weichen. Eine ganzseitige Zeitungsanzeige informiert über das 1970 eröffnete PEKA-Parkhaus - heute ist das Gebäude neben dem ehemaligen Kaufhof eine Ruine.

"Völklingen folgte in seiner Verkehrspolitik dem bundesdeutschen Trend", sagt Experte Röhrig. Über Beschränkungen für den Verkehr machte man sich noch keine Gedanken. Erst Ende der 1960er Jahre geriet das Auto langsam in die Kritik. Anwohner protestierten gegen Lärm und Abgase. Die Vorrangstellung des Autos blieb aber unangetastet.

Eine interessante Parallele zu heute: Schon damals war das Geld knapp. Eine Abbildung zeigt ein Modell der Südtangente aus dem Jahr 1967. Der Bau zog sich allerdings in die Länge, wegen finanzieller Schwierigkeiten wurde die Straße erst 1977 eröffnet.