1. Saarland
  2. Saarbrücken
  3. Völklingen

Bei ihm geht es um Zwanzigstel-Millimeter

Bei ihm geht es um Zwanzigstel-Millimeter

Gut 4000 Menschen arbeiten bei Saarstahl in Völklingen. Was machen sie eigentlich dort? Und was tun sie außerhalb des Werks? Wir stellen in loser Folge Saarstahl-Mitarbeiter vor. Heute: Hans-Jörg Mathieu.

Vieles kann man schälen: Äpfel, Karotten, Bananen, Stahl, Kartoffeln, Apfelsinen . . . Moment! Stahl? "Aber ja", sagt Hans-Jörg Mathieu, "das geht sogar einfacher und ungefährlicher als Karottenschälen, und auch der kleinste Span wird wieder verwendet."

Der Mann muss es wissen, denn er ist Meister in den Schäl- und Prüfbetrieben des Völklinger Saarstahl-Walzwerks Nauweiler. Der Werdegang des 46-Jährigen gleicht dem vieler anderer Mitarbeiter in der saarländischen Stahlindustrie. Als er 1987 im Völklinger Werk seine Ausbildung zum Betriebsschlosser (heute: Industriemechaniker) abgeschlossen hatte, wurde er wegen der Stahlkrise nicht übernommen. Ein Jahr zuvor war der letzte Hochofen in Völklingen erloschen. Also ging er zur Bundeswehr und bewarb sich dann 1989 erneut um eine Anstellung, diesmal mit Erfolg. Er wurde zunächst in der Kurzstückfertigung eingesetzt, dann 1993 ins Walzwerk Nauweiler versetzt. "Damals, kurz nach dem Konkurs, wurden die Mitarbeiter oft je nach Bedarf innerhalb des Werks verschoben; aber das war mir egal, ich war froh, trotz der Krise einen Arbeitsplatz zu haben." Seit rund 20 Jahren ist Mathieu in der Weiterverarbeitung Schälerei tätig, seit September als Meister in der Frühschicht.

"Die Schälerei ist im Walzwerk der letzte Feinschliff für die Werkstücke", sagt er, und geduldig, auch mit Begeisterung, berichtet er von seiner Arbeit. Vom Stahlwerk angelieferte Knüppel - das sind Stahlstangen mit einem Durchmesser bis 130 Millimeter und einer Länge bis zu 18 Metern - werden im Walzwerk erhitzt und dann in der 1,2 Kilometer langen Halle durch die Engpässe der Walzgerüste geführt, wo sie die Abmessungen erhalten, die der jeweilige Kunde wünscht. "Sie werden länger und dünner", betont Mathieu, "behalten aber ihr Volumen." Das ändert sich in der Schälerei: "Mit unseren Maschinen schälen wir die Stäbe beispielsweise runter bis auf 29,90 Millimeter, wobei die Toleranz nur 0,05 Millimeter betragen darf. Diese Genauigkeit ist beim Walzen nicht möglich." Die Späne werden zurück ans Stahlwerk geliefert, wo sie mit vielen anderen Zutaten in der Konvertersuppe eine neue Zukunft als Knüppel erhalten.

Mit dem Schälen allerdings sind die Stäbe noch nicht versandfertig. In weiteren "Inseln", das sind die Randbetriebe im Walzwerk, wird das Material auf Herz und Nieren geprüft: Dimension, Oberflächenrissprüfung, Ultraschall - die bestellte Qualität muss stimmen, das erklärte Ziel der Nullfehlertoleranz hat Priorität. Und wenn doch ein Mangel festgestellt wird? "Dann heißt es: ab damit zurück ins Stahlwerk!", sagt Mathieu. Und ergänzt: "Trotz der Automatisierung hat der Mitarbeiter das letzte Wort, denn wir messen nach, ob die Maschinen die Vorgaben richtig erfüllt haben."

Oberste Priorität dabei hat aber die Sicherheit: "Keiner von uns darf sich in Gefahr begeben, Absperrungen und Lichtschranken verhindern, dass jemand den Maschinen zu nahe kommt." Für diese Arbeitssicherheit im Vier-Schicht-Betrieb ist Meister Mathieu verantwortlich, doch auch für Optimierungsmöglichkeiten und den Personalbereich seiner 20 Kollegen. "Die Arbeit erfordert große Konzentration, macht aber auch Freude, zumal wir ein gutes Betriebsklima haben", sagt er.

Gutes Klima hat er auch nach der Schicht, wenn er gemeinsam mit seiner Frau Gedeihen und Glück mit den beiden Kleinkindern erlebt. "Die zeigen mir täglich, wie schön es ist, auch mal ungenau und spontan zu sein", sagt er lachend.