Bahnhof zu verkaufen

Seit etwa drei Wochen weist ein weißes Schild am linken Flügel des Luisenthaler Bahnhofs-Empfangsgebäudes darauf hin, dass der Bau zum Verkauf steht. Aus dem Nichts hing es plötzlich da. Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) erfuhr auf Nachfrage, dass die Eigentümer einen Kaufpreis von 145 000 Euro fordern.

Der Ärger über den Luisenthaler Bahnhof reißt nicht ab. Dessen jämmerlicher Zustand ist den Bewohnern des Völklinger Stadtteils bereits seit Jahren ein Dorn im Auge. Als Schandfleck bezeichnen sie das marode Bahnhofsgebäude, als Zumutung den vermüllten und mit Graffiti beschmierten Bahnsteig. Als der Völklinger Ortsrat im März den Bahnhof besichtigte, erklärte Ortsvorsteherin Monika Roth (parteilos), sie wolle sich dafür einsetzen, dass der Bahnhof wieder in Schuss gebracht wird. Dafür müsse man sich mit allen Beteiligten an einen Tisch setzen.

Nun gibt es eine überraschende Wende: Neuerdings prangt ein "Zu verkaufen"-Schild an der Fassade des roten Backsteinbaus. Ein Gespräch mit Bettina Becker und Thomas Erkel, die als Mieter die erste Etage bewohnen, ergab: Sie wurden nicht über den Verkauf informiert. "Aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung hing das Schild plötzlich an der Hauswand", berichtet Bettina Becker. "Mit uns gesprochen hat niemand. Auch eine schriftliche Mitteilung gab es nicht. Das finde ich uns als Mietern gegenüber richtig unfair." Thomas Erkel ergänzt: "Die sind sowieso schlechte Vermieter. Die kümmern sich um gar nichts." Mit "die" meint Erkel die Main Asset GmbH, die das Gebäude verwaltet.

Erkel bewohnt das ehemalige Bahnhofsgebäude seit 14 Jahren. Als die Bahn noch Eigentümerin des Hauses war, habe alles reibungslos funktioniert, sagt er. Von Februar 2000 bis Juni 2006 war die DB Station & Service Erkels Vermieter. Dann ging das Gebäude für ein Jahr (Juli 2006 bis Juni 2007) an die Firma First Rail Estate in Wiesloch, bevor die Bahn von Juli 2007 bis Jahresende wieder als Vermieter auftrat. Seit Januar 2008 ist die Gesellschaft Patron Elke S.a.r.l. mit Sitz in Luxemburg die Bahnhofs-Eigentümerin. Als Verwalter trat die Gesellschaft mit beschränkter Haftung jedoch nicht in Erscheinung. Stattdessen ließ sie die Luisenthaler Immobilie durch die Main Asset GmbH mit Sitz in Dreieich bei Frankfurt am Main verwalten und vermarkten. Doch seitdem ist an dem Gebäude nichts mehr gemacht worden.

Damit ist Luisenthal kein Einzelfall. Nach Aussage des Bündnisses "Bahn für alle", das sich gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn richtet, hat die Deutsche Bahn AG im Dezember 2007 rund 1000 Bahnhofsgebäude an ein Konsortium verkauft, das aus der Londoner Patron Capital Ltd. und dem Hamburger Immobilienentwickler Procom Invest GmbH & Co. KG besteht - darunter auch das Luisenthaler Bahnhofsgebäude. Es ist nicht das einzige, das sich in miserablem Zustand befindet, wie die Berichte zahlreicher Tageszeitungen aus dem ganzen Bundesgebiet belegen.

Die Main Asset GmbH ist eine deutsche Tochterfirma von Patron Capital Ltd., übrigens auch federführend beim City-Center-Projekt in der Völklinger Innenstadt. Sie hält sich mit Auskünften an die Öffentlichkeit sehr bedeckt. Weder telefonisch noch per Mail zeigt sich die Geschäftsführung zu einer konkreten Stellungnahme auf SZ-Fragen bereit. Warum man das Luisenthaler Bahnhof-Empfangsgebäude verkaufen will, darüber wird ebenso beharrlich geschwiegen wie über den Kaufpreis. Auch auf Fragen, ob es bereits Kaufinteressenten gebe und was mit den derzeitigen Mietern geschehen soll, gab es von Seiten der Main Asset GmbH keine Antwort.
Meinung
Unter Heuschrecken
Von SZ-RedakteurinDoris Döpke

Zusammenarbeit, Offenheit, Transparenz? Kommunen als Partner? Stadtentwicklung? Finanzinvestoren vom "Heuschrecken"-Typ werden so etwas wohl als sentimental belächeln. Bei ihnen zählen einzig Werte, die sich in Euro und Cent ausdrücken lassen. Ihr Ziel ist Profit. Sonst nichts.

Die Main Asset GmbH, Tochter des Luxemburger Finanzinvestors Patron Capital, preist zwar auf ihrer Internet-Seite "Neue Konzepte für Bahnhöfe" an. Doch aus ihrem Bestand an Bahnhofsbauten - einst mehr als 1000 - hat sie nun offenbar die Filetstücke herausgepickt. Den großen Rest, der kaum Gewinn verspricht, will sie verscherbeln. Profitabel: Der Bahnhof in Quedlinburg soll 470.000 Euro kosten, der im sächsischen Radebeul 220.000, der heruntergekommene Bau in Luisenthal 145.000 Euro. Ob das jemand zahlen mag?

Wenn nicht, weckt ein anderes Beispiel Hoffnung: Der Ensdorfer Bahnhof kommt unter den Hammer - Startpreis 10 500 Euro (die SZ berichtete). Das könnte sich auch eine finanzklamme Kommune wie Völklingen leisten.

Graffiti-Maler haben sich unter anderem an der Rückfront des historischen Bahnhofs-Empfangsgebäudes in Luisenthal ausgetobt. Hier der Blick vom Bahnsteig auf ein Nebengebäude. Foto: Döpke. Foto: Döpke

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Hintergrund145 000 Euro verlangt die Main Asset GmbH für das Luisenthaler Bahnhofsgebäude: Das teilte Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU ) gestern auf SZ-Anfrage mit. Die Stadt, sagte Lorig, habe vom geplanten Verkauf auch erst durch das Schild an der Fassade erfahren. Daraufhin habe er bei Main Asset-Chef Thorsten Vogt nachgehakt. Begründet werde der hohe Preis mit Mieteinnahmen; neben dem Bewohnerpaar Becker/ Erkel seien nach Vogts Angaben auch noch Firmen-Mieter im Gebäude . Die Stadt, so Lorig, könne sich einen Kauf nicht leisten: "Der Preis ist eine absolute Blockade." Der Bahnhof spiele allerdings eine zentrale Rolle im Konzept für die direkt angrenzende Tagesanlage des Bergwerks Luisenthal . Dieses Konzept, an dem Stadt, Land und RAG derzeit arbeiten, solle Anfang November stehen. Je nachdem, wie es mit dem Bahnhof weitergehe, müsse man es wohl später ändern. dd