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Vorsorge gegen Starkregen: Auf der Suche nach Schutz vorm Starkregen

Vorsorge gegen Starkregen : Auf der Suche nach Schutz vorm Starkregen

Extreme Regenfälle kommen öfter vor als früher. Und haben dann üble Folgen. Wie mindert man die? Starkregen-Gefahrenkarten helfen, Probleme zu analysieren und Lösungen zu finden.

Mittwoch, 4. Juli, 18 Uhr. Die Wolken über der Völklinger Innenstadt sind fast schwarz, ein kräftiges Gewitter kündigt sich an. Schnell raus, ehe es losgeht? Noch nicht, die Arbeit ist noch nicht beendet. Minuten später bricht das Unwetter los. Eine Sintflut kommt vom Himmel. Entlang der Bordsteine in der Rathausstraße rauschen reißende Ströme.  Das Flachdach vor den Fenstern zur Hofseite ist nach einer Viertelstunde  von der Kiesfläche zum See mutiert. Es regnet weiter, das Wasser steigt und steigt, schwappt auf die mit Holzbohlen belegte kleine Redaktionsterasse.

Nach einer Stunde steht es keinen halben  Meter mehr von der Tür entfernt. Noch eine Weile weiter in dieser Manier, und es könnte über Tür- und Fensterkanten in die Büros eindringen – aber zum Glück wird der Regen schwächer. Und hört schließlich auf.

In der Innenstadt hat das Unwetter keine ernsthaften Schäden verursacht, berichtet die Feuerwehr am nächsten Morgen. Bei mir zu Hause, zehn Kilometer südöstlich, zeigte der Regenmesser 25 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter an – viel, aber nicht rekordverdächtig. Im Warndt hingegen, zehn, 15 Kilometer südwestlich, hatte die Feuerwehr gut zu tun. Keller liefen voll, der Lauterbach schwoll gewaltig an und setzte, wie berichtet, Anwohner-Gärten in der Lauterbacher Hauptstraße heftig unter Wasser.

Unwetterzellen sind eine  lokal eng begrenzte Angelegenheit – was die Menschen vor allem an der Oberen Saar und im Köllertal im Juni gleich mehrfach hart zu spüren bekamen, dort war „Land unter“ bis in die Häuser hinein. Nach diesen Juni-Starkregen hat Brunhilde Folz, Völklinger SPD-Stadtverordnete, sich mit einem Antrag an die Stadtverwaltung gewendet.

Sie halte „eine Untersuchung mit Kartierung der Abflüsse von Wassermassen in Völklingen, bzw. der Überlaufmöglichkeiten von Flüssen, Bächen und Kanälen für erforderlich“, schrieb sie ans Rathaus. „Auf diese Art kann vorbeugend festgestellt und berechnet werden, wo Gefahrenstellen auftreten könnten. Mängel können erkannt und ergänzende Maßnahmen ergriffen werden, um eventuelle Katastrophen zu verhindern  oder wenigstens zu mildern“, begründete sie das Anliegen. In Völklingen, so hieß es aus dem Rathaus auf SZ-Anfrage, prüfe man  solch ein Projekt.

Woanders arbeitet man bereits dran. Die Stadt Saarbrücken ist sogar schon damit fertig, sie hat eine Starkregen-Gefahrenkarte. Im Wasser-Referat des Umweltministeriums ist mehr darüber zu erfahren. Dort ist Manuela Gretzschel die zuständige Fachfrau für das Hochwasser-Risikomanagement. Das beginnt beim Thema Gewässer – für Bäche und Flüsse hat das Land Hochwasser-Risikokarten erstellt, dazu ist es gesetzlich verpflichtet. Aber das Thema Starkregen, sagt die Expertin, fällt  nicht in Landes-Zuständigkeit. Es ist Sache der Kommunen und auch der Privatleute. „Starkregen“, sagt Gretzschel, „ist ein Naturereignis, man kann ihn nicht verhindern. Aber man kann etwas tun, um Schäden zu mindern.“

Und: Starkregen komme häufiger vor als früher. Dass man sich darum kümmern müsse, sei spätestens ins Bewusstsein gerückt, als im Juni 2016 der Eppelborner Ortsteil Dirmingen eine katastrophale Überschwemmung erlebte.

So unterstütze das Land seither Kommunen, die besonders bedrohte Teile ihres Gebietes ausfindig machen und Schutzmaßnahmen dafür planen wollen (siehe „Info“). Herzstück einer Starkregen-Gefahrenkarte, erläutert sie, ist die digitale Geländekarte, die es fürs gesamte Saarland gibt.

Sie zeigt nicht nur Bauten, Straßen, Grünflächen, Distanzen, sondern auch Höhenverläufe innerhalb der Kommunen an. Gefährdete Bereiche lassen sich ermitteln, indem man – stark vereinfacht gesagt – am Rechner gewaltige Regenmengen darauf pladdern lässt und schaut, wie und wohin das digitale Wasser strömt. „Wir wünschen uns, dass die Ergebnisse einfließen in die Bauleitplanung“, sagt Referatsleiter Hilmar Naumann.

Heißt: Kommunen sollten  von Überschwemmungen bedrohte Senken und Ähnliches unbedingt aussparen, wenn sie neue Baugebiete ausweisen. Und sie sollten, wo möglich, bauliche Maßnahmen zum Schutz gegen Wasser ergreifen. Was das bedeutet? Naumann nennt ein Beispiel: Mitunter seien Straßen die Abfluss-Strecken für Starkregen. Da genüge eventuell  schon ein Hochbordstein, um das Wasser von angrenzenden Häusern fernzuhalten.

Auf jeden Fall, ergänzt Gretzschel, müssten sich die Bürger auch selber schützen. „Bauvorsorge“ heißt das Stichwort dafür. Zum Beispiel könne man an gefährdeten Haus-Zugängen wasserdichte Türen einbauen. Es sei um der Schadens-Minderung willen auch dringend anzuraten, dass man Wertgegenstände nicht gerade im tief liegenden Keller aufbewahrt. Und teure Haustechnik gegebenenfalls erhöht einbaut.

Für Öltanks, erinnert sie, gilt das in offiziell festgesetzten Überschwemmungsgebieten ohnehin. Kanäle, sagen Gretzschel und Naumann, können Starkregen nicht wegschaffen – einfach, weil sie dafür gar nicht ausgelegt sind und sein können. Kanalsysteme berechne man nach Regenmengen, die statistisch alle zwei Jahre fallen, derzeit 135 Liter pro Sekunde auf einen Hektar Fläche, 15 Minuten lang. In der Regel, fügt Naumann an, „schaffen Kanäle deutlich mehr“.

Diese Karte, auf der Internetseite des Landesamtes für Umwelt und Arbeitsschutz (LUA) zu finden, zeigt, wo die Unwetterzelle in der Nacht vom 31. Mai/1. Juni zwischen 22 und 2 Uhr besonders viel Wasser abregnen ließ. Wir veröffentlichen sie mit Genehmigung des Umweltministeriums. Foto: Landesamt für Umwelt und Arbeitsschutz/j.kiehn/ Landesamt für Umwelt und Arbeitsschutz
Kleinblittersdorf, 2. Juni – am Tag nach der Unwetter-Nacht, die der Region an der Oberen Saar binnen vier Stunden bis zu 80 bis 85 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter brachte: Menschen räumen Gegenstände aus ihren Häusern, die bei der Überschwemmung beschädigt wurden. Foto: BeckerBredel

Wie viel, zum Vergleich, haben die jüngsten Starkregen-Ereignisse gebracht? Dazu haben Gretzschel und Naumann keine Zahlen. Noch nicht. Die Werte, die das dichte saarländische Netz von Niederschlags-Messstationen liefert, sollen demnächst ergänzt werden durch Radar-Daten des Deutschen Wetterdienstes. Damit könne man dann auch kurzfristige, lokale Ereignisse genauer analysieren und bewerten.