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Kolumne
Alles Käse, oder was?

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Für dieses Produkt haben die Kunden unterschiedliche Namen. „Lockenkäse“ zum Beispiel. Oder „Blümchenkäse“. Die Damen hinter meiner LIeblings-Käsetheke lassen sich davon nicht verwirren. Lächelnd greifen sie zum richtigen Laib, der offiziell ganz anders heißt: „Tête de moine“, auf Deutsch Mönchskopf. Von Doris Döpke

Woher die haarigen und floristischen Assoziationen kommen? Besagter Käse wird in hauchfeine Scheibchen geschnitten, die sich  unterm Rundhobel kringeln, als habe ein Friseur ihnen eine Dauerwelle verpasst. Und wegen der Form der Scheibchen legen die Verkäuferinnen sie dekorativ ins transparente Kästchen, als seien es Blätter einer Blüte.


Das Zeug ist delikat. Vor allem  frisch geschnitten. Ein Rundhobel musste ins Haus. Doch als ich das erste Mal mit dem Ding in der Küche stand, kriegte ich Bedenken. „Mönchskopf“! Haben unsere Nachbarn im Westen, die ja bekanntlich eine Revolution in den Knochen haben und strengste Trennung von Kirche und Staat praktizieren, es da nicht übertrieben mit der Säkularisierung? Einem Menschen zum Zwecke des Tonsurschnitts  mit solch einem Hobel an die Kopfhaut zu gehen, wäre glatter Sadismus.

Das Internet hilft. Der mönchsköpfige Käse, lerne ich, kommt gar  nicht aus Frankreich. Sondern aus der Schweiz. Seine Tradition ist Jahrhunderte älter als die Französische Revolution – wenngleich der Name erst mit den nachrevolutionären Franzosen auftaucht, die das Käseland annektierten. Esser aller Nationalitäten schabten ihren Käsehauch damals aber noch mit dem Messer vom Laib; der Rundhobel, die Girolle, wurde erst 1981 erfunden. Da wollte niemand mehr  geistlichen Herren an den Skalp.



Uff. Erleichterung: Es menschelt  nicht mehr in der Küche. Politische Skrupel? Alles Käse.