Hörspieltage mit starker Saarbrücker Beteiligung: „Unsere Hörer wollen keine Häppchen-Kultur“

Hörspieltage mit starker Saarbrücker Beteiligung : „Unsere Hörer wollen keine Häppchen-Kultur“

Die Hörspielredaktion des SR ist erstmals verantwortlich für die renommierten ARD-Hörspieltage in Karlsruhe.

Das kleine Hörspiel des Saarländischen Rundfunks stemmt in diesem Jahr eine Herkulesaufgabe. Die Redaktion ist federführend für die Gestaltung und das Programm der renommierten ARD Hörspieltage, die diese Woche wieder in Karlsruhe stattfinden. SR-Hörspielchefin Anette Kührmeyer ist im Festivalvorstand und maßgeblich an der Organisation beteiligt. Wir wollten von ihr wissen, was das für sie bedeutet und was Hörspiel-Freunde in Karlsruhe und auch im Internet erwartet.

Die Hörspielredaktion des SR stemmt das Schwergewicht „ARD Hörspieltage“. Was hat der SR, bzw. was haben Sie zu dem aktuellen Treffen beigesteuert? Gibt es Veränderungen im Programm, die Sie mit angestoßen haben?

Anette Kührmeyer: Wir sind in diesem Jahr noch näher am Publikum. Kern des Festivals bleibt der Wettbewerb von zwölf aktuellen Hörspielen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich um den ARD Online Award und den Deutschen Hörspielpreis der ARD. Aber neu ist zum Beispiel: Nach dem gemeinsamen Hören und der öffentlichen Diskussion der Jury können das Publikum und die Hörspielmacher darauf direkt reagieren. Und wir übertragen diese Diskussion per Videostream im Internet.

Es geht aber auch noch mehr online. . .

Anette Kührmeyer: Genau. Auf der Internet-Seite hoerspieltage.ARD.de stehen die Wettbewerbs-Beiträge bis zum 11. November zur Abstimmung bereit. Jedes Hörspiel kann dort mit bis zu fünf Punkten bewertet und kommentiert werden. Jeder, der sich an der Abstimmung beteiligt, im Internet oder vor Ort, kann eine kleine Nebenrolle in einem der nächsten ARD Radio Tatorte gewinnen.

Eines der öffentlichen Diskussionsforen in Karlsruhe heißt „Lauter Likes?“ und berührt ein Thema, das angesichts schrumpfender Kulturredaktionen und deren „Ersatz“ durch die Daumen-hoch-, Daumen-runter-Klicks im Internet starke Aktualität hat. Braucht es heute überhaupt noch eine Kulturkritik, wie wir sie kennen?

Anette Kührmeyer: Genau diese Frage stellen sich auch die hochkarätigen Teilnehmer des Symposiums. Das Symposium will neben einer Bestandsaufnahme auch die Perspektiven der Kritik ausloten. Hat sich nur das Medium der Kritik verändert oder auch das Wesen der Kritik selbst? Oder ist es viel wichtiger, dass möglichst viele Mediennutzer bereits in der Schule Kenntnisse erwerben, damit sie selbst zu einem fundierten Urteil kommen können? Ich bin selbst gespannt auf die Ergebnisse der Impulsreferate und Diskussionen.

Ein weiterer Punkt bei den Hörspieltagen ist der offizielle Start der ARD Audiothek. Bedeutet das, dass man künftig alle Radio-Features, Hörspiele und andere Inhalte unter einem Zugang findet?

Anette Kührmeyer: Die ARD Audiothek ist eine Plattform insbesondere für Dokumentationen und Hörspiele und zeigt damit auch die ganze thematische und formale Vielfalt dieser Produktionen. Mit der App können diese und andere Sendungen dann auch übers Handy abgerufen werden.

Sendezeiten fürs Hörspiel sind ja nicht allzu üppig und öfter auch mal zu etwas ungünstigen Zeiten. Machen Sie die Erfahrung, dass Ihre Hörspiele durch Mediatheken und Podcasts mehr Leute erreichen? Ist also auch die ARD Audio­thek dann eine Chance, auch das künstlerische Hörspiel für die Zukunft zu etablieren?

Anette Kührmeyer: Alle ARD-Sender, auch SR2, bieten schon länger ihre Hörspiele zum Nachhören im Internet an, das wird insgesamt sehr stark genutzt. Das gilt nicht nur für Krimis wie den ARD Radio Tatort, sondern auch für literarische Hörspiele. Unsere Hörer sind weit entfernt von einer „Häppchen-Kultur“, sie können und wollen länger zuhören, aber dann, wenn es ihr persönlicher Zeitplan erlaubt. Die ARD Audiothek wird es den Hörern in dieser Hinsicht noch leichter machen.

Das wichtigste Hörspiel-Ensemble hierzulande ist das Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble (LPE). Es führt bei den Hörspieltagen nun seine aktuelle Produktion „Der Fall Sola“ live auf. Die „Pinguine“ werden schon länger von Ihrer Redaktion gefördert, heimsen mit ihren experimentellen Hörspielen, die sie für den SR produzieren immer wieder Preise ein. Macht es Sie stolz, dass „ihr“ Team quasi in der Bundesliga mitspielt?

Anette Kührmeyer: Auf jeden Fall. Das LPE wurde übrigens 2008 in Karlsruhe mit dem Deutschen Hörspielpreis und mit dem ARD Online Award ausgezeichnet. Der Erfolg von Katharina Bihler und Stefan Scheib beweist aber auch, dass „Leuchttürme“ wie das LPE nicht über Nacht aus dem Boden schießen, sondern dass sich langfristige redaktionelle Begleitung bei der Entwicklung von Künstlern lohnt.

Ist das für Sie auch eine der Aufgaben des SR-Hörspiels? Künstler zu fördern?

Anette Kührmeyer: In jedem Fall ist es für mich wichtig, Autoren und Künstler der Region zu fördern, dadurch in die ARD hineinzuwirken und zu zeigen: Im Saarland gibt es hervorragende Hörspielmacher, die der vielfarbigen ARD eine ganz eigene Schattierung hinzufügen.

Die meisten Programmpunkte bei den Hörspieltagen sind öffentlich. Haben Sie einen persönlichen Tipp, falls jemand die ja nicht allzu weite Fahr nach Karlsruhe wagen will?

Anette Kührmeyer: „Der Fall Sola“ des LPE ist definitiv ungewöhnlich und sehenswert. Eine spannende Premiere wird sicherlich auch das improvisierte Live-Hörspiel von hidden shakespeare.

Auf www.hoerspieltage.ARD.de findet man sämtliche Programmpunkte, Live-Streams und die Abstimmung zum Online Award.
Neben dem Liquid Pinguin Ensemble sind unter anderem auch die Autoren der SR-Radio-Tatorte Erhard Schmid und Madeleine Giese in Karlsruhe dabei.

Interviewpartnerin: Susanne Brenner