Drama von Siegfried Lenz Theaterverein legt menschliche Abgründe frei – „Zeit der Schuldlosen“ in Sulzbach

Sulzbach · Die Theaterwerke Bietzen warten in Sulzbach mit einer überzeugend modernisierten Fassung der „Zeit der Schuldlosen“ von Siegfried Lenz auf – der Eintritt ist frei. Die letzte Aufführung ist am 23. September.

Regie und schauspielerisches Können schufen atmosphärisch dichte, beklemmende Bilder von der Suche nach Schuld und Schwäche. Im Bild (von links): die Bäuerin (Julia Hilt), der Bankmann (Mathias Wittling), die Attentäterin Sason (Wiebke Neu), die Lastwagenfahrerin (Svenja Trampert), die Ingenieurin (Raphaela Wagner) und der Hotelier (Simon Schöpp).

Regie und schauspielerisches Können schufen atmosphärisch dichte, beklemmende Bilder von der Suche nach Schuld und Schwäche. Im Bild (von links): die Bäuerin (Julia Hilt), der Bankmann (Mathias Wittling), die Attentäterin Sason (Wiebke Neu), die Lastwagenfahrerin (Svenja Trampert), die Ingenieurin (Raphaela Wagner) und der Hotelier (Simon Schöpp).

Foto: Stefan Bohlander

Zackig geht der Wächter durch den Saal, spricht wahllos Gäste an und nimmt sie mit – immer im Namen des „Gouverneurs“. David Schöneberger spielt den Uniformierten so, dass man froh ist, wenn er einen nicht anspricht. Jeder, dem was widerfährt, wandert ohne Umweg ins Kittchen. Doch natürlich führt der Wächter nur Schauspieler ab. Es ist Samstagabend in der Jahnturnhalle in Sulzbach (Regionalverband Saarbrücken), und die Theaterwerke Bietzen geben ein denkwürdiges Gastspiel.

Bereits vor Beginn des Stücks „Zeit der Schuldlosen“ spielen sich diese „Festnahmen“ im Zuschauerraum ab und sorgen für Irritation, für nachwirkende Verstörung. Das ist gewollt, denn das Stück von Siegfried Lenz ist ein bitter ernstes Drama, das Machtstrukturen hinterfragt.

Als dann Wiebke Neu blutverschmiert die Halle betritt und ebenfalls ins Gefängnis gesteckt wird, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Die Regisseurin und Vorsitzende der Theaterwerke Bietzen hat im Vorfeld angekündigt: „Ich hatte Bock, über unsere Grenzen zu gehen – weil ich weiß, dass wir es können.“ Und das Ensemble – neben Neu und Schöneberger noch neun weitere Darsteller – gibt alles, um die Worte der Regisseurin in Taten umzusetzen.

Wiebke Neu spielt die Attentäterin „Sason“, die einen Anschlag auf den „Gouverneur“ verübte. Der überlebte das Attentat – anders als zwei seiner Leibwächter. Das Staatsoberhaupt und seine Bediensteten regieren totalitär. Damit ist es kein Problem, zehn Personen ohne Gericht, Anklage oder gar Gelegenheit zur Verteidigung ins Gefängnis zu verfrachten.

Der Plan des Gouverneurs: Die neun „Schuldlosen“ sollen die „Schuldige“, die keinen Hehl daraus macht, für den Anschlag verantwortlich zu sein, so lange unter Druck setzen, bis diese die Namen ihrer Komplizen verrät. Erst dann werden die „Schuldlosen“ entlassen.

Die Konstellation birgt Sprengstoff. Adrian Froschauer als Student und Johannes Biermann als Arzt stellen den humanistischen Aspekt dar und stellen sich auf die Seite der Attentäterin. Diese ist schließlich verletzt und setzt sich für die Freiheit der anderen ein. Katharina Sartorius als Konsulin vertritt eine zynische und pragmatische Sichtweise, während Mathias Wittling als Bankmann sowie Simon Schöpp als Hotelier vor allem darauf bedacht sind, ihre Geschäfte am Laufen zu halten. Elisa Brausch als Druckerin, Svenja Trampert als Lastwagenfahrerin und Raphaela Wagner als Ingenieurin zeigen sich offen konfrontativ, und Julia Hilt hat als Bäuerin ohnehin nur Sorge um ihre entlaufene Ziege.

Richtige Rollennamen gibt es nicht, stattdessen gibt es Berufs- beziehungsweise Tätigkeitsbezeichnungen. Das soll für einen Querschnitt durch die Gesellschaft stehen. Die Fragen, welche die Mimen auf hohem Niveau behandeln, sind aktuell: Wer trägt Schuld an einem totalitären Regime? Wiegen die Leben von vielen Personen mehr als das Leben einer Einzelnen? Wann bringen Diskussionen nichts mehr? Und wer ist ohne Schuld?

Das bewusst karg gehaltene Bühnenbild besteht aus drei grauen Wände, die für die Zelle stehen und nach und nach mit immer mehr starrenden Augen bemalt werden, einer einfachen Holzpritsche und einem Lautsprecher. Durch diesen bringt sich der Wächter per Mikrofon manipulativ und emotionslos in die Diskussionen mit ein. Regieeinfälle, wie dass jeder Darsteller ein Seelentier verkörpert, das vor allem in den Nächten zum Vorschein kommt, sowie viel Bewegung auf der Bühne bringen eindrucksvolle Dynamik.

Der Sprache aus der Zeit des Wirtschaftswunders – Premiere feierte „Zeit der Schuldlosen“ 1961 – haben die Schauspieler neues Leben eingehaucht. Das war fordernd und der Mühen wert. Wiebke Neu meinte zum Ende: „Ich bin extrem stolz auf uns alle – und jetzt erst mal fertig wie Sau.“

„Zeit der Schuldlosen“ wird in Sulzbach nochmals am Samstag, 23. September, 20.30 Uhr, aufgeführt. Einlass in die Jahnturnhalle ist ab 20 Uhr, der Eintritt ist frei. Für Spenden an den Verein, der sich ausschließlich über Sponsoren und freiwillige Spenden der Zuschauer finanziert, steht nach der Aufführung ein Hut bereit. Weitere Informationen auf der Homepage der Theaterwerke Bietzen.