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Zehn Jahre Anonyme Alkoholiker in Sulzbach: Betroffene erzählen

Sulzbach : Intensivstation, Therapie und dann der Absturz

Zehn Jahre Anonyme Alkoholiker in Sulzbach: Betroffene erzählen von ihrer überwundenen Suff-Karriere.

„Im  Krankenhaus haben sie mich unten im Keller zur Wäsche gestellt. Es wäre egal gewesen, ob ich verrecke.“ Harald erzählt dies  wie andere vom Unkrautjäten im Garten. Unaufgeregt, sachlich. Der 53-jährige Steinmetz mit der runden Nickelbrille und dem Lausbubencharme steht über den Dingen — auch über seiner Alkoholsucht, die er dank der Anonymen Alkoholiker (AA) in den Griff bekommen hat. Seit acht Jahren ist er trocken. Mit seiner Geschichte „beschenkt“ der Saarbrücker die Kollegen der Sulzbacher Gruppe. Die feierten  kürzlich an diesem heißen Juninachmittag im Treffpunkt „Tante Anna“ im cts-Altenheim ihr zehnjähriges Bestehen. Mit Sprudel, Kaffee und Torte. Ohne anzustoßen.

Saufen gehörte für Harald dazu, seit er 13 ist. „Mein innigstes Ziel war Kontrollverlust“ und „die Rakete fliegen zu lassen“, erinnert sich der Gast. Zum Alkohol gesellten sich schnell Kokain, Heroin, Meskalin und so weiter. „Einige Leute in meinem Bekanntenkreis studierten Chemie. Denen hatten die Eltern ein komplettes Labor im Eigenheim eingerichtet.“ Ausprobiert wurde das Zeug Sonntagmorgen im katholischen Vereinsheim. Nur Medikamente waren tabu, weil „ungesund“. Über die absurden Verrenkungen des eigenen Säufergewissens kann Harald heute lachen -  ein wachsames Lachen. Alkoholismus ist nicht heilbar. Ein Großteil der zirka 1,3 Millionen betroffenen Deutschen trinkt sich zu Tode. Laut Statistik sterben pro Jahr 74.000 Menschen direkt oder indirekt an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs.

Mit „Ach und Krach“ schaffte Harald die Schule, ein „alternatives Leben“ mit Gelegenheitsjobs und Haschisch verticken schloss sich nahtlos an. Wegen der Dealerei landete er mit 19 im Gefängnis und lernte dort eine nette Drogenberaterin kenne. Kaum draußen, wurde geheiratet. „Ich dachte, jetzt fängst du ein neues Leben an“, ein richtiges mit Kind, Haus und Baum pflanzen. Es klappte nicht. Der Suff ging weiter.

Mit 25 erlebte er das erste AA-Meeting. „Jeder erzählte seine Lebensgeschichte. Und ich hab mich bei allen wieder erkannt.“ Auf diese Erkenntnis musste Harald erst mal einen „bechern“, aber „trinken war seitdem anders“. Etwa die Hälfte aller Neumitglieder verlassen AA nach wenigen Treffen, zwei Drittel der restlichen Mitglieder bleiben dauerhaft abstinent. Damit gilt diese christlich motivierte Methode, die auf Offenheit und Solidarität basiert, als erfolgreichstes Abstinenzprogramm überhaupt.

Doch erstmal log sich Harald weiter fleißig in die Tasche. Von wegen: „Ich habe es im Griff“. Nur um dann doch wieder literweise Alkohol zu kippen, „bis die Synapsen explodieren, man noch einmal dieses bescheuerte Lächeln auf dem Gesicht hat und dann zusammenbricht“. Intensivstation, Therapie, Abstürze - so ging es noch 20 Jahre lang. Erst dann kapitulierte er vor der Krankheit. Seit zwei Jahren ist er selbstständig, was mühsam sei: „Man muss sich Tag für Tag durchbeißen“. Und er hat eine feste Beziehung, die seiner Partnerin einiges abverlangt. Harald kämpft mit extremen Stimmungsschwankungen, dazu kommt eine „Verschrobenheit und Mimosenhaftigkeit, die man sonst nur von Pubertierenden kennt“.

Dass Alkoholismus nicht zuletzt für die Angehörigen die Hölle ist, weiß niemand besser als Christel. Die 62-jährige Kinderpflegerin hat einen „klassischen“ Leidensweg hinter sich - der Vater ein Säufer, ihr Lehrer ein sadistischer Trinker, ihr Ehemann ein heimlicher Alkoholiker. „Ich hab das gebraucht, diese Aufs und Abs, obwohl es makaber ist.“ Minderwertigkeitsgefühle begleiten sie schon ihr ganzes Leben hindurch, erzählt sie ruhig der Runde, obwohl sie fürchterlich aufgeregt ist. Erst seit sie regelmäßig die Al-Anon Familiengruppe besucht, geht es bergauf. „Ich weiß jetzt: Ich muss auf mich achten.“ Was auch für Harald gilt. Sein Rezept fürs Trocken bleiben? „Man lässt einen Spalt zu seinem früheren Leben offen“ und schaut da ab und zu durch. „Das muss Ansporn genug sein.“