Moscheebau in Sulzbach: Wie sich Muslime gegen Vorwürfe wehren

Moscheebau in Sulzbach : Wie sich Muslime gegen Vorwürfe wehren

Geht von Salafisten in Sulzbach eine Terrorgefahr aus? SZ-Gespräch mit Vereinsvertretern, die in Sulzbach eine Moschee planen.

Die Muslimische Gemeinde Saarland (MGS) plant eine neue Moschee. Die soll am Sitz des Vereins in Sulzbach entstehen. Rund 600000 Euro veranschlagen die Verantwortlichen für Kauf und Umbau der alten Post, die sie bereits erstanden haben. Das Geld soll über Spenden zusammenkommen. Dafür wirbt die Gemeinschaft mit einem Video im Internet auf deutscher Sprache. Ein Imam, der in dem Beitrag ebenfalls zu sehen ist und Arabisch spricht, wird mit Untertiteln übersetzt.

In dem islamischen Zentrum sind unter anderem Gebetsräume vorgesehen, nach Geschlechtern getrennt und mit separaten Eingängen. 800 Quadratmeter Fläche auf zwei Etagen bietet der Komplex. Das Gebäude selbst steht auf einer 2000 Quadratmeter großen Fläche, die zudem Parkplätze und einen Garten umfasst. Ein Eröffnungstermin für das Gebetshaus steht nach Auskunft des MGS-Vorsitzenden Burhan Yagci noch nicht fest.

Trotzdem formiert sich bereits Widerstand gegen die Pläne. Insbesondere weil die Gemeinschaft dem Salafismus zugeordnet wird. Dieser steht nach Ansicht des Bundesverfassungsschutzes in Zusammenhang mit islamistischen Strömungen, aus denen heraus gewalttätige Aspekte hervorgehen sollen, um zu missionieren. Der Salafismus sei in Deutschland die zurzeit dynamischste Bewegung des Islam. Des Weiteren haben Salafisten nach Expertenauffassung urkonservative Religionsauffassung. Ihre Vertreter seien nicht integrationsfähig.

Der saarländische Verfassungsschutz hat ein Auge auf den Sulzbacher Verein, der nach Auskunft dessen Leiters Yagci an die 60 Mitglieder zählt, dessen Einzugsradius indes weit über die Landesgrenzen hinweg reicht. Sie sollen Jahrhunderte alte Traditionen und Riten pflegen. Sie legen den Koran, die heilige Schrift des Islam, streng nach den althergebrachten Vorgaben ihres Propheten Mohammed aus, wie die Gläubigen selbst bestätigen.

„Dass wir nicht integrationsfähig sind, stimmt einfach nicht.“ Die Muslimische Gemeinde suche den Kontakt zur Zivilgesellschaft, wie der streng gläubige Vereinschef Burhan Yagci versichert. Und übt sich darin, dies damit zu untermauern: „Wir beteiligen uns  am Dialog der Religionen. Wir sind seit vier Jahren dabei.“ Alle drei Monate kommen dazu unter anderem Katholiken, Protestanten, Vertreter des Hinduismus und eben auch Moslems zusammen. „Wir wollen gar nicht bekehren“, verteidigt Yagci, der in Deutschland geboren ist. Natürlich verteidige er seinen Glauben. „Wenn mich jemand zum Islam fragt, dann antworte ich ihm auch.“ Und genau dann folge sogleich der Vorwurf, er und andere Anhänger wollten missionieren.

„Ja, ich bin gläubig, so wie es fromme Christen und Juden sind.“ Dabei lägen diese Religionen gar nicht so weit auseinander, was beispielsweise die Lehre über das Jenseits, also das Leben nach dem Tod, betrifft. Dennoch: „Zuerst einmal bin ich Muslim“, unterstreicht Muharrem Cetinkaya (30), Stellvertreter an der Spitze der Muslimischen Gemeinde in Sulzbach. Was aber nicht bedeutet, den Kontakt zu anderen, aus seiner Sicht Nichtgläubigen, abzubrechen.

Was den Begriff Salafist betrifft, so trennen beide MGS-Repräsentanten säuberlich dessen Interpretation der westlchen Welt von der Auslegung nach dem Koran.  Yagci: „Salafismus existiert auch im Islam, aber damit ist kein Terrorismus gemeint.“ Vielmehr verstehe er darunter das Leben nach dem Vorbild Mohammeds und der ersten Generationen danach. Wie vor etwa 1400 Jahren. „In Deutschland heißt es: Salafisten wollten das Leben wie im Mittelalter. Aber ich habe mir kürzlich ein Auto und keine Kamele gekauft“, überspitzt er.  Ja, darum fühle er sich beschimpft, wenn ihn jemand hier als Salafist tituliert. Dabei sei in der arabischen Welt „Salafist nicht mit Terrorist gleichzusetzen“.

Muslimen gehe es, auch den Konservativen, um „Gerechtigkeit“, sagt Cetinkaya. Was ebenso auf das Frauenbild zutreffe. Er widerspricht der Darstellung, dass Männer ihre Frauen anhalten, sich zu verschleiern. Yagci: „Es gibt keinen Zwang im Glauben, Mohammed will Menschen zu nichts zwingen. Zwang ist verboten.“ Worauf der Vereinschef sogar den Spieß umdreht: „Ich kenne viele Männer, die in Deutschland ihre Frauen und Töchter davon abhalten, einen Schleier zu tragen, weil sie sonst auf der Straße beschimpft und angegriffen werden.“ So wie sich er und Cetinkaya für ihren typischen langen Bart als äußeres Zeichen ihrer Frömmigkeit rechtfertigen müssten. Sowie wegen ihres Verzichtes auf Schweinefleisch und ihrer Alkoholabstinenz sich mit Vorwürfen konfrontiert sehen.

Umso mehr bedrückt es ihn, dass die MGS im Visier des Verfassungsschutzes steht. „Ja, wir wissen das. Er kam direkt auf uns zu. Wir haben ständigen Kontakt“, berichtet der Vereinsvorsitzende. „Es ist ein komisches Gefühl, wie ein potenziell Krimineller beobachtet zu werden, wenn man eigentlich nur seine Frömmigkeit ausleben will.“ Dabei sei bislang kein Fall bekannt, dass ein Islamist aus dem Saarland zum IS-Kämpfer ausgebildet worden sei.

Damit würden Muslime in Deutschland in eine Verteidigungshaltung gedrängt, obwohl viele nur ihren Glauben mit Gebeten und Lebensstil ausüben wollten, ohne sich von der Gesellschaft  und hiesigen Gesetzen abzunabeln. Dazu gehöre, dass Muslime ständig aufgefordert würden, sich  öffentlich von  der selbst ernannten terroristischen Miliz Islamischer Staat (IS) zu distanzieren. Yagci: „Das wäre so, wenn ein Mann eine Frau misshandelt, und es kommt heraus, dass er ein Christ ist. Dann kommt auch keiner auf den Gedanken: Musste ja so kommen: Ist ja ein Christ.“ Für ihn und seine Glabensgemeinschaft sei klar: „Der IS, das sind Extremisten, deren Weg Mohammed nicht eingeschlagen hat. Das hat nichts mit dem Islam zu tun, was der IS macht.“ Und er fügt etwas ernüchternd hinzu: „Ich weiß nicht, wie oft ich mich davon noch distanzieren muss.“

Burhan Yagci, Chef des Vereins Muslimische Gemeinde Saarland, wehrt sich im SZ-Gespräch gegen Vorwürfe, die Anhänger würden sich nicht integrieren. Foto: Matthias Zimmermann
Muharrem Cetinkaya, Vizechef des Sulzbacher Vereins, versichert, dass die Anhänger keinen Zwang  auf Frauen ausüben. . Foto: Matthias Zimmermann

Den MGS-Sprechern mangle es an der Auseinandersetzung mit dem Islam. „Man verlangt von uns, dass wir uns vom Terror distanzieren. Aber wer uns und die Religion kennt, weiß, dass wir das nicht müssen“, hält Burhan Yagci gegen. Um das mulimische Leben in Deutschland, im Saarland, in Sulzbach ungeschminkt vorzustellen, gebe es immer am 3. Oktober (Tag der Deutschen Einheit) den Tag der offenen Moschee. Das will der Verein MGS mit der neuen Gebets- und Versammlungsstätte im alten Posthaus fortführen. Wer die Räume dann besucht, wer mit Muslimen spricht, „muss nicht gleich Paranoia bekommen, ich wollte ihn bekehren“,  schiebt Yagci hinterher und lacht dabei. Zudem werde in der Sulzbacher Mosche Deutsch gesprochen. Ein Simultandolmetscher übersetze die Gebete des ägyptischen Imam.

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