| 21:56 Uhr

Lesung im Salzbrunenhaus
Der smarte Grüne schlägt Zuhörer in seinen Bann

Robert Habeck bei seiner Lesung im Salzbrunnenhaus.
Robert Habeck bei seiner Lesung im Salzbrunnenhaus. FOTO: Thomas Seeber
Sulzbach. Robert Habeck gab im brechend vollen Salzbrunnenhaus Einblicke in das Leben eines Berufspolitikers. Von Anja Kernig

Das akademische Viertel war gerade um, da traf Robert Habeck ein, fast ein bisschen außer Atem. Schuld hatte die Deutsche Bahn. Wobei man da als Berufs-Grüner nicht zu sehr drauf rumhacken darf. Schneidet doch jede miese Zugverbindung in Sachen Klimaschutz noch um Lichtjahre besser ab als der heilige Individualverkehr.


Generös forderte er das Publikum auf, sich ruhig auf seinem Stuhl und auf der Bühne „woodstockmäßig auszubreiten“. Was gern angenommen wurde, da das Salzbrunnenhaus aus allen Nähten platzte. Mehr als 160 Besucher waren zur Lesung des smarten Bundesvorsitzenden gepilgert. Thema des Abends war Habecks 2016 erschienenes Buch „Wer wagt, beginnt“. Zum Warmwerden schilderte der gebürtige Lübecker seinen Einstieg in die Politik Anno 2001, der ihn aus dem subjektiven Leben eines vierfachen Vaters und Schriftstellers herauskatapultierte. „Coole, Robin Hood ähnliche Kämpfer für eine bessere Welt“, so hatte er sich die Grünen vorgestellt. Die Realität waren 15 „müde und lustlose“ Gestalten, die im Hinterzimmer einer Kneipe ihre Kreistagung abhielten. Ein Wahlkampf stand an und damit die Debatte, ob man Plakate kleben sollte oder nicht, was sich „exakt so vor jeder Wahl wiederholt“ – ein bekanntes Phänomen, wie die Lacher im Saal bewiesen. Habecks Bilderbuchkarriere vom Kreis- zum Landesvorsitzenden und Umweltminister sei nur eine vermeintliche gewesen, da „zu 50 Prozent Not und Elend der Grünen in Schleswig-Holstein geschuldet“. Derart pragmatisch ging es weiter. Fast genüsslich ließ er Momente des Scheiterns Revue passieren, etwa bei der Urwahl 2017 oder, „die älteren unter ihnen werden es noch wissen“, bei den Jamaika-Verhandlungen. Letztere wären seiner Meinung nach geglückt, „wenn es Twitter nicht gegeben hätte oder alle an der Tür ihr Handy abgegeben hätten“.

Genug Zeit blieb für Fragen: Wie er die Zukunft der großen Koalition sieht? „Die wird noch lange durchhalten.“ Ob das Pensum eines Berufspolitikers mit 16-Stunden-Tagen ohne Wochenende nicht kontraproduktiv sei („unstrittig eine große Gefahr“, Macht generiere ein gewisses Suchtpotenzial)? Wie man Europa attraktiver gestalten kann? Etwa mit einer „europäischen Steuer-Kompetenz“, die Großkonzerne geschlossen zur Kasse bittet, meint Habeck. Und wie man der AfD begegnen soll?  Eine „eigene Geschichte erzählen“, lautet sein Rezept. Etwa Ökologie ins Spiel zu bringen oder Sozialpolitik. Sonst bleibe es immer eine „Zwei-zu-eins-Situation: Die bringen einen skandalösen Satz, ich wiederhole ihn, um ihn dann zu widerlegen.“ Da kann man nur verlieren.



Gegen die Verrohung unserer Sprache kämpft der diplomierte Philosoph auch in seinem neuen Buch „Wer wir sein könnten“, das in Kürze in den Handel kommt. Darin zieht Habeck Parallelen zum „Neusprech“ im Orwellschen Zukunftsszenario „1984“: „Dort wird aus Krieg Frieden, bei Söder aus Not Tourismus, bei der AfD werden Grüne zu Nazis“. Dagegen gilt es zu intervenieren – im Sinne Vaclav Havels: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“ – Habecks Lebensmaxime.

Jérôme Lange, Sprecher des gastgebenden Ortsverbandes Dudweiler-Scheidt, dankte dem Gast mit einer Schachtel Petit Fours für die berührende Lesung. „Es ist wichtig, dass es solche Menschenfänger gibt. Im positiven Sinne.“