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St. Pius ist nicht mehr

Viele Katholiken wohnten der Profanierung in Brefeld am vergangenen Sonntag bei. Fotos: Jörg Jacobi
Viele Katholiken wohnten der Profanierung in Brefeld am vergangenen Sonntag bei. Fotos: Jörg Jacobi
Brefeld. Die Katholiken werden weniger, und die wirtschaftliche Situation der Pfarrgemeinde St. Marien Hühnerfeld schwieriger. Aus diesem Grund wurde die Kirche St. Pius in Brefeld am Sonntag außer Dienst gestellt. Bei der letzten Heiligen Messe wurden viele Erinnerungen wach. Jörg Martin

"1964 hann isch do geheirad", entfuhr es einer Frau, als sie am vergangenen Sonntagnachmittag zum letzten Mal die Pfarrkirche St. Pius betrat. Die Gläubige wirkte nicht nur nachdenklich, sondern auch leicht ergriffen.



"Das war der Platz, wo wir auch früher gestanden haben", blickte ein Mann zurück. "Schade um die schöne Kirche", entfährt es einem anderen Herrn, als er im Windfang einen der letzten Plätze ergatterte. "Oh, ist die Hütte voll", meinte eine Rentnerin schon lange, bevor der letzte Gottesdienst Am Kreuzgraben begonnen hatte. "Es werd eng. Hol dir mol die Chronik", empfahl ihr Bernhard Hofmann. Auch beim Vizeverwaltungsratsvorsitzenden ist die Anspannung spürbar. Die Kirche wurde im Rahmen einer letzten Eucharistiefeier, genau vier Tage nach dem 58-jährigen Bestehen, profaniert.

Der Gottesdienst sonntagsmorgens sei immer gut besucht gewesen, sagt Hofmann im SZ-Gespräch. Vor etwa drei Jahren habe sich der Verwaltungsrat zu dem schmerzlichen Schritt entschieden, das Gotteshaus, das zu Grubenzeiten einen Pferdestall beherbergte, außer Betrieb zu stellen. Die Kirchenmitglieder und die Steuereinnahmen wurden immer weniger. Die finanzielle Situation der Pfarrgemeinde St. Marien Hühnerfeld, zu der die Brefelder Filialkirche gehöre, wurde zudem schwieriger.

Wie Dechant Benedikt Welter in seiner Predigt berichtete, habe man ihm - als er dem Bistum die Entscheidung mitteilte - "Herzliches Beileid" ausgesprochen. So falsch sei dies nicht, meinte Welter zu den Gläubigen: Das Ganze sei mit Schmerz und Trauer verbunden. Doch man nimmt nur vom Gebäude Abschied, betonte der Geistliche. Die Erfahrungen und die Erinnerungen an die Feiern, die könne einem Niemand nehmen. Welter erinnerte an die Situation in den 50er Jahren.

Damals kamen meist polnische Einwanderer wegen des Bergbaus ins Ruhrgebiet und ins Saarland. Sie sorgten wegen ihres katholischen Glaubens für einen Boom in den Gotteshäusern. Es seien auch genau die Kirchen, die jetzt wieder geschlossen werden müssen. Es gebe kein Vererben beim Glauben. Die Älteren brauchten sich deshalb auch nicht zu fragen, was sie eventuell falsch gemacht haben, wenn die Jugend der Kirche den Rücken zuwende. Heute könne man mit ehrenamtlichem Engagement auch ein moralisch guter Mensch sein, ohne einen Gott zu haben, so die gängige Meinung. Die zwingende Notwendigkeit des Glaubens sei nicht mehr gegeben.

Der Ausspruch, früher sei alles besser gewesen bringe einem auch hier nicht weiter, so der Dechant. Auch müsse man sich einstellen, einer schrumpfenden Kirche zu begegnen. Das sei anders, aber weder schlechter noch besser, rief Benedikt Welter den Gläubigen zu. Er wurde bei der letzten Eucharistiefeier von Kooperator Harald Winter und früheren Messdienern unterstützt. Der frühere Verwaltungsratsvorsitzende Siegfried Mayer erinnerte an die Geschichte der Kirche. Erst als Welter, Winter, Mayer und die Messdiener mit der Osterkerze und dem Ewigen Licht die Kirche verlassen hatten, wurde einem - durch diesen symbolträchtigen Akt - wirklich bewusst, dass St. Pius jetzt Vergangenheit ist. Für die feierliche Umrahmung sorgte der Chor Intermezzo, dessen Leiter Michael Sobisiak auch die Orgel spielte. Agnes Fries (Geige) und Elmar Meier (Trompete) rundeten das vielfältige Repertoire ab. Mit dem Steigerlied war zum letzten Mal Musik in der Kirche zu hören, ehe das Gemeinde-Team im Anschluss zu einem traditionellen Bergmannsfrühstück einlud.

Dechant Benedikt Welter zelebrierte die letzte Heilige Messe.
Dechant Benedikt Welter zelebrierte die letzte Heilige Messe.
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