Schlafanzug und Unterwäsche

Jetzt ist er fast 19, und es steht fest, dass beim Anblick des geschmückten, immergrünen Gewächses nicht mal eines seiner beiden Augen leuchten wird. Jedenfalls nicht so, wie man das von kleinen Kindern kennt.

,,Soll ich dieses Jahr wieder einen Baum kaufen?", frage ich den jungen Mann. ,,Wennde mennschd", kommt da zunächst die Antwort. ,,Ja, schon", sagt er dann doch nach näherer Überlegung. Nun gut, es gibt also wieder einen Baum. Den kaufe ich am heutigen Morgen, es ist ja noch Zeit. Weil mein Herz für die armseligen, krumm gewachsenen Exemplare schlägt. Und die sind am Heiligen Morgen noch vorhanden - zum kleinen Preis.

Leuchtende Kinderaugen kann man auch beim Schenken nicht mehr erwarten. Denn wer wagt es schon, einem jungen Mann etwas unter den Baum zu legen, das er zuvor nicht abgesegnet hat? Wohl niemand, der einer unchristlich-festlichen Auseinandersetzung entgehen möchte. Früher war das alles einfacher. Da gab's noch dankbare Kinder wie mich. Nie habe ich mich beklagt, wenn ich das unvermeidliche Päckchen der Tante öffnete, für das angeblich das Christkind verantwortlich war. Nie habe ich mich geweigert, das Geschenkpapier zu entfernen, obwohl ich längst wusste, was da drinnen steckt. Alle Jahre wieder: ein Schlafanzug und weiße, kochfeste(!) Unterwäsche. Der Gipfel der Einfallslosigkeit. Man kann's aber auch positiv sehen: wenigstens kein selbst gestricktes Bettjäckchen oder ein Alpenveilchen.

Ihnen allen, liebe Leser, wünsche ich goldbraun gebrutzelte Weihnachtsgänse und andere Leckereien, ganz wenig Gezänk und Ärger (wenn beispielsweise die teure Nordmanntanne schon bei der Bescherung nadelt), dankbare Kinder, keine Schlafanzüge - oder kochfeste Unterwäsche.