1. Saarland
  2. Saarbrücken
  3. Sulzbach

Saarland: Feministin Marlies Krämer hat nach Sparkasse jetzt Ärger mit Post

Feministin aus Altenwald : Sie verlor vor dem BGH gegen die Sparkasse – nun hat Marlies Krämer Ärger mit der Post

Die Feministin Marlies Krämer kümmert sich normalerweise um Gleichberechtigung in der Sprache. So zog sie zuletzt gegen die Sparkasse vor Gericht, weil sie auf deren Kundenkarte als „Inhaber“ bezeichnet wurde. Jetzt hat die 83-Jährige ein ganz anderes Problem – mit ihrer Post.

Marlies Krämer aus Altenwald erlebt seit einem Jahr ein echtes Drama mit der Deutschen Post. Wenn sie Briefe verschickt, landen sie wenige Zeit später wieder in ihrem Briefkasten neben der Haustür. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Briefe das jetzt innerhalb eines Jahres waren, die wieder zurückgekommen sind. Ich habe schon viel versucht, um an die Gründe zu kommen und ich werde auch nicht aufgeben“, sagt die 83-Jährige.

Vor einer Woche hatte sie einen Brief nach Hamburg verschickt. Einen Tag später war er schon wieder in ihrem Briefkasten. Sie zeigt den Brief und sowohl die Adresse des Empfängers als auch die Absender-Adresse sind einwandfrei zu lesen. „Ich habe den Brief beim zweiten Versuch meinem Sohn mitgegeben. Er hat ihn bei der Post in Saarbrücken aufgegeben – natürlich neu frankiert und wieder bezahlt. Einen Tag später war der Brief schon wieder bei mir im Briefkasten“, erzählt Marlies Krämer und schüttelt den Kopf. Das gleiche passierte mit vielen Briefen, die nach München, Hamburg, Nürnberg oder Berlin geschickt werden sollten. Die Altenwalderin hat mehr als zehn Mal bei der Deutschen Post angerufen und auch Briefe an die Deutsche Post geschickt – diese kamen komischerweise an. „Als Antwortschreiben von der Post habe ich immer Briefe bekommen, die genau gleich anfingen. Das hatte noch nicht den Hauch einer persönlichen Note. Es tut der Post leid, man wolle der Sache nachgehen und man hoffe, dass es nicht wieder vorkommt. Dann waren noch ein paar Briefmarken dazu gelegt. Bei den Anrufen war es das Gleiche, alles Einheitsbrei. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir wirklich jemand helfen möchte“, erklärt Marlies Krämer.

Ein Brief nach Magdeburg hat den Vogel abgeschossen. Er kam zurück und war an der Seite geöffnet. Marlies Krämer hat sofort die Polizei angerufen und Strafanzeige gestellt. „Die Polizei hat hier bei mir im Wohnzimmer gesessen und alles aufgenommen. Die Anzeige läuft und ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Ich werde bei dieser Sache nicht lockerlassen. Das ist eine absolute Frechheit“, sagt die Rentnerin entschlossen und mit ernstem Blick.

Dass mit ihr nicht zu spaßen ist, hat sie schon öfter unter Beweis gestellt. Sie ist Feministin und setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, dass nicht nur Frauen mehr wahrgenommen werden, sondern alle Menschen gleichgestellt werden – vor allem sprachlich. Zuletzt hatte sie die Sparkasse verklagt, da auf ihrer Kundenkarte Marlies Krämer als „Inhaber“ angegeben wurde und nicht Marlies Krämer als „Inhaberin“ (wir berichteten mehrfach). „Ich bin eine Frau und damit eine Kundin und eine Inhaberin“, sagt sie. Letztlich unterlag sie vor dem Bundesgerichtshof, ihrer Verfassungsbeschwerde hat  das Bundesverfassungsgericht nicht zur Entscheidung zugelassen, weil sie den Begründungsanforderungen nicht genügte. Einer der wenigen Prozesse, die sie verloren hat.

Auch in der Talkshow von Sandra Maischberger war sie schon zu Gast, lieferte sich dort ein Rededuell dem Rapper Bushido. Über Krämer gibt es gar einen Dokumentarfilm mit dem Namen „Die Kundin“, der Abschussfilm des kolumbianischen Filmemachers Camilo Berstecher, der in Saarbrücken an der Hochschule für Bildende Künste Saar (HBK) studierte. Der Film blickt in Krämers Vergangenheit zurück, zeigt ihre Jugend, in der sie als Mädchen kein Abitur machen darf, sie lernt Verkäuferin, ihr Mann stirbt früh, sie ist allein mit vier Kindern, arbeitet an der Uni in der Mensa, studiert später als Seniorin und Gasthörerin Soziologie, darf aber wegen des fehlenden Abiturs keine Abschlussprüfungen ablegen. Dennoch: seither ist sie „aufmüpfig“ wie sie im Film sagt.

Und sie ist erfolgreich beim Bekämpfen des generischen Maskulinums: Als sie 1990 feststellt, dass sie in ihrem Reisepass nirgends das Wort „Inhaberin“ finden kann, klagt sie. Sechs Jahre später bekommt sie letztendlich von einem Gericht Recht. Seither steht im Reisepass (auch) „Inhaberin“. Die Emma kürte das ehemalige SPD- und heutige Linken-Mitglied damals zur „Heldin des Alltags“. Sie war damals zu Gast in Talkshows. Auch, als sie 1998 erreichte, dass Tiefdruckgebiete nicht mehr ausschließlich Frauennamen bekommen – sondern auch Männernamen im Wechsel. 2009 kettete sie sich an eine 300 Jahre alte Eiche an der A623, um deren Fällung zu verhindern.

Selbstverständlich hat sie für ihren unermüdlichen Einsatz im Sinne der Frauen auch die Bürgermedaille der Stadt Sulzbach abgelehnt. „Eine Bürgerinnenmedaille – oder was ohnehin viel besser wäre: eine Ehrenmedaille – hätte ich gerne angenommen“, erklärt die 83-Jährige.

Sie hat auch den Verein zur Förderung der sprachlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau in Sulzbach gegründet. Sie bekommt Kritik und es gibt Stimmen, die sagen, sie würde es übertreiben. Doch sie unterstreicht: „Wer in der Sprache nicht vorkommt, ist nicht im Bewusstsein. Wer nicht im Bewusstsein ist, ist nicht existent“, sagt sie und zuckt lässig mit den Schultern. Es steht außer Frage, dass sich die Deutsche Post warm anziehen muss, bis Marlies Krämer ihr Dilemma mit den zurückkommenden Briefen gelöst hat. Fest steht: Aufgeben ist für sie keine Option.