| 20:29 Uhr

Ein junges Mädchen in Hühnerfeld setzt sich für die Umwelt ein
Plastikmüll stoppen, heißt die Mission von Lilien

 Auf unserem Bild (von links): Timo, Lilien, Julia und Marc  Baumbach mit Hund Candy.
Auf unserem Bild (von links): Timo, Lilien, Julia und Marc  Baumbach mit Hund Candy. FOTO: Thomas Seeber
Hühnerfeld. Wie mag sich das anfühlen – in einer Menschenmenge von fremden Händen über den Köpfen weiter gereicht zu werden? Diese sehr spezielle Disziplin, Crowdsurfing genannt, wird eigentlich nur von Rock- und Popstars praktiziert. Von Anja Kernig

Zu denen Lilien Baumbach definitiv nicht zählt - schon deshalb, weil sie erst elf Jahre jung ist. Trotzdem kam die Sulzbacher Schülerin vor drei Wochen in diesen Genuss. Eine „witzige“ Angelegenheit, erinnert sich Lilien zu Beginn des Gesprächs daheim im Wohnzimmer neben ihren Eltern und Bruder Timo sitzend, Cockerspaniel Candy in Reichweite. Nein, Angst sei keine im Spiel gewesen, im Gegenteil, „es hat super Spaß gemacht“.


Anlass war das Konzert ihres Lieblingssängers Christian „Ole“ Olejnik gewesen: ein Gig vor 250 Leuten in Meerbusch zu seinem 40.Geburtstag – nach neun Jahren Bühnenabstinenz. „Ziemlich cool“ sei dieser Auftritt gewesen, strahlt das Mädchen mit den langen braunen Haaren und den wachen Augen. „Es war immer mein Traum, mit Ole und seiner Band auf der Bühne zu stehen.“ Mit ihm hatte Lilien zuvor die Rock-Ballade „Das Lied vom Wal“ im Tonstudio aufgenommen. Das Ganze ist Teil der Aktion „Wal Hoffnung“ (siehe Infobox). Zu der wurde Florian Puschke, Herausgeber eines Rockmusik-Magazins, von seinem Kind inspiriert. „Sie leben direkt am Meer und werden täglich mit den Müllmengen im Wasser und am Strand konfrontiert“, weiß Marc Baumbach, Vater von Lilien, der mit Puschke befreundet ist. So kam eins zum anderen, auch der Kontakt zu Ole. „Wir haben ihm eine Sprachnachricht geschickt“, erzählt Baumbach. Darauf sang Lilien ein Lied von Ole nach, „In der Stadt“ – seine erste Single: „Ich habe mich erst nicht getraut, aber dann hab’ ich’s doch durchgezogen“, verrät Lilien. Manchmal muss man sich selbst zu seinem Glück zwingen,  „sonst wird das Leben nix“.

Bisher läuft es gut. In der Grundschule hat Lilien Theater gespielt, verzauberte als Fee und Hexe, Hans im Glück und als Prinz. Sie tanzt in der Garde und lernt seit ein paar Jahren Klavier- und Flötenspielen. Später, als Erwachsene, würde das so zierliche wie taffe Mädchen gern ein Tierheim leiten. Also alles wunderbar? Nicht ganz. Lilien trägt ein kleines Gerät am Hosenbund. Eine Insulinpumpe. Für sie das Normalste auf der Welt. Auch, sich die Sonde mit der Nadel alle zwei Tage selbst zu setzen. Vor drei Jahren ging es ihr gar nicht gut. Sie war schlapp, hatte viel Durst und die Beine taten ihr oft weh. Da Lilien stark erkältet war, dauerte es etwas, bis die Diagnose Diabetes klar war. Was vor allem eins bedeutet: Disziplin, ein Leben lang. Klar nervt das, berichtet Lilien. Auch, weil die vielen Einstiche die Haut verhärten lassen, oder sie bei drohender Unterzuckerung im Unterricht Traubenzucker zu sich nehmen muss. Was nicht zu ändern ist.



Wogegen man aber sehr wohl was tun kann, ist das Problem mit dem Müll – für Lilien schon lange ein Thema. „Die Welt gehört allen. Wir haben nicht das Recht, sie zu vermüllen. Ich find das ganz blöd.“ Zumal das munter so weiter geht mit der Plastikherstellung. „Es wird immer mehr. Damit töten wir uns selbst.“ Tüten darf man Lilien im Laden am besten gar nicht anbieten, das kann sie nämlich nicht leiden, verrät Mama Julia, von Beruf Informatikerin, lächelnd. Dazu diese unnötigen Folien: „Alles ist verpackt, Salat, Tomaten, Kleidung“, ärgert sich Lilien. Super findet die Familie die „unverpackt“-Läden. Davon bräuchte es noch viel mehr, meint Papa Marc, der an einer Berufsschule unterrichtet. Jetzt hoffen sie erst mal, dass möglichst viele junge Saarländer bei der Walfisch-Aktion mitmachen. Dutzende tolle Bilder entstanden bereits in Liliens ehemaligem Kindergarten St. Marien Hühnerfeld. Eine Zeile des Wal-Lieds hat es Baumbach besonders angetan: „Hoffnung hat die Hoffnung nie verloren.“ Genau darum gehe es doch: „Man kann noch was tun. Das ist für mich die Botschaft.“ Wobei da weniger Einzelkämpfer gefragt sind, ergänzt Lilien: „Wenn man die Welt retten will, müssen alle zusammen anpacken.“