Ende einer Ära: „Ich werde mein Lädchen vermissen“

Ende einer Ära : „Ich werde mein Lädchen vermissen“

Das Sulzbacher Ehepaar Sophie und Adolf Kellenberger schließt zum Monatsende seinen Kiosk. Zum Abschied gibt’s Sekt und Häppchen für alle.

Rechts neben dem Ausgabefenster liegt als schnelles Wechselgeld ein ganzer Schwung Münzen. Weiter unten im Regal wartet ein Paar Wechselschuhe auf den finalen Einsatz. Seine Eminenz, Papst Francesco, lächelt milde von einer Autogrammkarte, die am Wandkalender steckt – direkt neben dem Waschbecken, das ein Vorhang gesittet verdeckt. Donnerstag wird das alles verschwunden sein, auch die vielen Zeitschriften, die letzten verbliebenen Schachteln Tabak, der ganze Krimskrams, der sich in 30 Jahren ansammelt. Aber heute ist noch alles wie immer: Der Euro- Jackpot steht bei 90 Millionen, die Kunden wedeln mit ihren Lottoscheinen vor dem Fensterchen, manche genervt, die meisten geduldig. „Kann man noch tippen?“ „Bis Mittwoch“, nickt Sophie Kellenberger, „dann ist Feierabend“. Aber nicht nur das, genaugenommen geht dann eine ganze Ära zu Ende.

Es war Berta Kellenberger, die damals die erste Toto-Annahmestelle in der Stadt eröffnete und 30 Jahre führte. „Meine Mutter hat in einer Holzbude auf dem Markt angefangen.“ Später gab’s dann „was Gemauertes“, erzählt Adolf Kellenberger, gerade vom täglichen Frühschoppen zurück. Ein gepflegtes Bier? „Nein, nur Kaffee“, relativiert der 81-Jährige gutgelaunt. Naja, „ein Mirabelle war dabei, aber nur einer.“ Er, der gelernte Konditor, der später auf Chemie- und Physiklaborant umsattelte und nach Frankreich pendelte, ist schon seit 20 Jahren in Rente. Seitdem hilft er seiner besseren Hälfte, sie teilen sich die Schichten: Sophie Kellenberger öffnet pünktlich frühmorgens um 5 Uhr, ihr Mann übernimmt mittags. Praktischer Weise wohnen sie ums Eck – in dem Haus, das einst Adolf Kellenbergers Uroma baute.

Jemand erkundigt sich irritiert von draußen, ob es denn stimmt: „Jo, ich geh in Rente, gezwungener Maßen“, bestätigt die Inhaberin. Die vielen Baustellen rings um den Laden haben das Geschäft geschädigt. Eigentlich sei sie „top fit, aber „die Umstände zwingen mich zum Aufhören“. Es gäbe noch mehr zu kritisieren. Etwa, dass der Hauseingang jedes Wochenende von feierwütigen Vandalen okkupiert wird, die zum Dank in die Ecken urinieren und den Boden vollkotzen. Was Sophie Kellenberger montags sauber macht. Und das im hohen Alter, das sie aber nicht verraten möchte. „Ich hab mich gut gehalten, das ist die Arbeit. Ich rechne alles im Kopf, das kann nicht jeder von den Jungen.“

Schon wieder bringt jemand einen Strauß Blumen vorbei, „als Danke­schön für die vielen Jahre“. „Die stell ich vielleicht an Schwiegermutters Grab“, überlegt die Ladeninhaberin. „Ich hab selbst so viel, was blüht“, Pfingstrosen und Lilien und vieles andere. Was hilfreich sein dürfte, wenn der putzmunteren Seniorin ab Juni die Decke auf den Kopf fällt. „Wir haben eine Riesengarten“, mit Gemüse und Kartoffelanbau und vielen Blumen in Kübeln. Dort wird auch regelmäßig gegrillt, „mit ein paar Freunden in unserem Alter“.

Vielleicht hilft die gelernte Verkäuferin anfangs noch aus bei Elektro/Schreibwaren Reiber, dort kann man ab 11. Juni Lotto spielen. Urlaub ist auch schon geplant: Im September geht es an den Bodensee zu den zwei Enkeln, Silvester in den Schwarzwald. Aber jetzt wird erstmal zünftig Abschied gefeiert. Am Mittwoch von 9 bis 12 Uhr ist die Stammkundschaft zu Salzgebäck aus Eigenproduktion und Sekt aus Gläsern, „nicht aus Plastikbechern“, eingeladen. Unvermeidlich, dass dann auch etwas Sentimentalität aufkommt. War doch der Kiosk eine Institution, ein Treffpunkt, eine konstante Größe in schnelllebigen Zeiten. Das winzige Räumchen will die Sparkasse als Eigentümerin künftig selber nutzen, weiß die gebürtige Dudweilerin und seufzt: „Ich werde mein Lädchen vermissen.“ Ein Kind von Traurigkeit ist sie deshalb noch lange nicht, „ich geh einfach mit den Männern morgens einen trinken.“ Das passt schon mit dem Ruhestand, sinniert Sophie Kellenberger und fügt mit fester Stimme an: „Es wird gut.“