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Hier sprechen Kasperle und Seppl noch türkisch

Hier sprechen Kasperle und Seppl noch türkisch

Sagen, Mythen und Legenden werden in jedem Kulturkreis von Generation zu Generation weitergegeben. Das erste Volkstheaterfestival „Wurzelwerk“ zeigte, wie Theater die regionale Identität und Alltag spiegelt

Kasperletheater auf türkisch? Was in Deutschland Kasperl und Seppl, sind in der Türkei Karagöz und Hacivat: Figuren eines volkstümlichen, belehrend-burlesken Schattentheaters, das soziale und gesellschaftliche Missstände aufzeigt. Am Freitag gastierte das traditionelle türkische Schattentheater Ali & Erhan Köken aus Grevenbroich mit dem Stück "Almanya Yolculugu und Herr Nixverstehen" beim Volkstheaterfestival "Wurzelwerk" in der Sulzbacher Aula. "Wurzelwerk" - ausgerichtet vom Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT), dem Bundesarbeitskreis Mundart und Sprachen im BDAT und dem Verband Saarländischer Amateurtheater (VSAT) als hiesigem Kooperationspartner - war das erste bundesweite Theatertreffen seiner Art. Anliegen des viertägigen Festivals war es nicht nur, mittels sieben ausgewählter Produktionen die Bandbreite zeitgenössischen Volkstheaters aufzufächern, das vom Gros der deutschen Amateurtheater gepflegt wird und neben der Verankerung in Sagen, Mythen und Legenden auch regionale Identität und Alltag spiegelt. Ziel war vor allem, die verschiedenen in Deutschland lebenden Bevölkerungsgruppen in einen theatralen Dialog zu bringen - und somit neben historischen Mysterienspielen, Possen und Schwänken auch kritisches Gegenwartstheater und insbesondere Einwanderungstheater zu berücksichtigen. Von daher fügte sich das Karagöz-Genre bestens in den gesteckten Rahmen: Auf unterhaltsame Weise wurden Verständigungsschwierigkeiten thematisiert, die aus Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden erwachsen. Großen Anklang fand auch das postmigrantische Volkstheater "90/60/90: Rollenscheiß!". Die Eigenproduktion des JugendtheaterBüros Berlin hinterfragte auf "Kiezdeutsch" beengende Frauenklischees im Kontrast zwischen westlichen Barbie-Emanzen und Musliminnen. Ebenfalls gefeiert wurde zum sonntäglichen Abschluss das schwäbische Theater Emerkingen mit dem bewegenden Zweipersonenstück "Umsonschd isch dr Dod", das zugleich als Plädoyer für die Emotionalität und Authentizität von Mundart überzeugte. Mit Workshops und Inszenierungsgesprächen mühte sich das Festival außerdem um ein gesteigertes Bewusstsein für künstlerische Qualität. Den Grund dafür, dass die erste Ausgabe eher dünn besucht war, vermutet BDAT-Bildungsreferent Stephan Schnell darin, dass Volkstheater formal wie sprachlich für potenzielle Zuschauer schwer berechenbar sei. In zwei Jahren soll wieder ein Wurzelwerk geflochten werden - bis dahin wollen die Veranstalter daran arbeiten, die Barrieren in den Köpfen abzubauen.