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Kämpferin für Frauenrechte
„Das Patriarchat hat Hochkonjunktur“

Marlies Krämer, hier in ihrer Altenwalder Wohnung, pocht auf die weibliche Form.
Marlies Krämer, hier in ihrer Altenwalder Wohnung, pocht auf die weibliche Form. FOTO: Iris Maria Maurer
Sulzbach-Altenwald. Nach der Niederlage in Karlsruhe plant Marlies Krämer den nächsten Schritt: Sie will vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Von Ilka Desgranges

Anfeindungen prallen an ihr ab, Dankesbriefe machen sie froh. Seit ihrer Klage gegen die Sparkasse mit dem Ziel, auf Formularen Kundin und nicht Kunde genannt zu werden, hat Marlies Krämer viel zu tun. Das Telefon klingelt, das Faxgerät rattert,  und die vielen Briefe müssen ja auch gelesen werden.


Marlies Krämer bewegt sich langsam durch ihre Wohnung in Sulzbach-Altenwald; nach einem Sturz vor drei Jahren braucht sie den Rollator. Geistig ist die 80-Jährige so beweglich wie immer. Und sie kämpft wie in jüngeren Jahren. Vor wenigen Tagen erst hat sie die Urteilsbegründung aus Karlsruhe bekommen. Der dortige Bundesgerichtshof hatte im März entschieden, dass Frauen kein Recht auf eine weibliche Ansprache in Formularen haben. Das oberste deutsche Zivilgericht hat die Klage der Sparkassen-Kundin Krämer zurückgewiesen. Wenn eine Frau Kunde und Kontoinhaber genannt werde, sei das kein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und auch kein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz.

Für Krämer ist das noch lange nicht das Ende. Ihre Entscheidung steht: Sie wird weiter darum kämpfen, Kundin genannt zu werden.  Nächste Station: Bundesverfassungsgericht. Sollte sie sich auch dort nicht durchsetzen: Europäischer Gerichtshof. Das Kämpfen liegt ihr.



Die nächsten Schritte sind ambitioniert, aber man traut sie ihr zu. Klare Stimme, hellwache Augen, feste Vorsätze. Das ist Marlies Krämer, die in den 90er Jahren bereits für Aufsehen sorgte. Wer hat dafür gekämpft, dass nicht nur Wetter-Tiefs einen weiblichen Namen tragen, sondern auch Wetter-Hochs  Sabine oder Petra heißen können? Marlies Krämer. Wer hat solange auf den Pass verzichtet, bis sie als „Inhaberin“ unterschreiben konnte? Marlies Krämer. Und wer hat gerade erst die Bürgermedaille ihrer Heimatstadt Sulzbach abgelehnt, weil es keine Bürgerinnenmedaille gibt? Marlies Krämer.

Auch wenn ihre Klage in Karlsruhe abgewiesen wurde, Marlies Krämer ist durchaus erfolgreich. Nach bundesweiter Präsenz in den Medien erreichen sie  Einladungen aus ganz Deutschland: Universitäten, politische Gremien – das Interesse an Vorträgen ist groß. Doch sie bleibt in Sulzbach. Nicht nur weil das Laufen schwer fällt, verlässt sie die geräumige Wohnung ungern. „Ich habe schon Heimweh, wenn ich die Tür hinter mir zumache“, sagt sie.

Man muss ja auch nicht durch die Welt reisen, um viel zu bewegen. Marlies Krämer steuert ihre Aktivitäten vom Wohnzimmer aus. Die Kommentare zu ihrer jüngsten Klage hat sie in Ordnern abgeheftet. Wüste Beschimpfungen sind darunter, anonym. Sie weiß nicht, ob sie von Männern oder Frauen stammen. Was sie weiß: „Dumme Parolen ignoriere ich einfach.“  Nach der Verhandlung wollte ihr jemand die Kommentare in den sozialen Netzwerken zeigen. Krämer lehnte ab. Sie selbst ist im Internet nicht aktiv; sie besitzt kein Handy – und auch keinen Taschenrechner. Ganz ohne Hilfsmittel hat sie einer Hotelkette mal vorgerechnet, wie hoch der Stromverbrauch ist, wenn alle Fernsehgeräte im Stand-by-Modus sind. Die Geschäftsführung habe das dann geändert, sagt sie.  Es sind nicht nur Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen, die Marlies Krämer bewegen, ihr fallen auch andere Dinge auf, die in Schieflage sind. Als Frauenrechtlerin möchte sie nicht bezeichnet werden. Das ist ihr „zu zahm“. Ihr Motto: „Ich bin Feministin und fertig!“

Marlies Krämer sitzt auf ihrem Sofa und blättert in den Akten. Auf der Fensterbank stehen zwischen Pflanzen rote Würfel mit der weißen Aufschrift SPD, in der Schrankwand stehen Fotos von Lafontaine. Krämer war lange in der SPD, bevor sie 2008 in die Partei Die Linke eintrat. Ihr Mann Günter ist seit 70 Jahren SPD-Mitglied. „Wir sind hier eine rot-rote Koalition“, sagt sie und schmunzelt ein wenig.

Die einstige Sozialdemokratin hat die Partei gewechselt „wegen Hartz IV“. Hat es Oskar Lafontaine gleich getan. Als beide noch in der SPD waren, verhalf Lafontaine ihr zu einer Begegnung mit Gorbatschow. Ein Foto im Arbeitszimmer dokumentiert das Treffen.

Lange war Marlies Krämer Stadträtin in Sulzbach. Nicht nur aus dieser Zeit stammt ihr Fazit: „Das Patriarchat hat Hochkonjunktur.“  Doch Anwürfe fechten sie nicht an, sie hält Kurs in Sachen Gleichberechtigung. „Hat die sonst nichts zu tun“?, das hört sie oft und nennt es „das dümmste Argument, das es gibt“. Sie steckt das weg wie so manche Beschimpfung. Die vielen Dankesschreiben, die sie nach der Klage in Karlsruhe bekommen hat, helfen dabei. „Die halten meinen Motor am Laufen, bis das Ziel erreicht ist.“