1. Saarland
  2. Saarbrücken
  3. Sulzbach

Dänische Delikatessen im Sulzbacher Kellertheater

Es wird nachgelegt : Viel zu tun in der Schlachter-Boutique

Kellertheater Sulzbach brillierte mit der Schwarzen Komödie „Dänische Delikatessen“ in der Jahnturnhalle. Karten weiter sehr begehrt.

Unter den zwei geschnitzten Schweinchen ist zu lesen „Heute im Angebot: kylling“. Wie bitte? Dagegen erschließt sich die Bedeutung des Wortes „Slagterbutik“ auf dem anderen Schild sofort angesichts des blau-weiß gefliesten Verkaufsraums, der an Haken hängenden Würste und einer gut bestückten Glastheke voller Schinken und Salami.

Willkommen in der Fleischerei Svend &. Co in der dänischen Provinz. Wir schreiben das Jahr 1989 und Geschichte, denn Svend und Bjarne revolutionieren in Kürze das Metzgergewerbe. Doch erst einmal feiert das ungleiche Paar Eröffnung mit Luftballons, Luftschlangen und Probierhäppchen, wow! Tatsächlich lässt sich niemand blicken - bis auf ihren Ex-Chef, den grobschlächtigen, fiesen Holger Holgersson, dessen Häme Leo Klein genussvoll zelebriert: Sich demonstrativ dünn machend, windet sich der Hüne breit grinsend durch die imaginären Kundenmassen. Was für ein ekliger Typ! Eigentlich würde man ihm ja am meisten wünschen, als Hähnchen (kylling) auf dem Teller zu landen. Aber der Reihe nach.

Das neue Stück des Kellertheaters Sulzbach ist nichts für Zartbesaitete. Handelt es sich doch bei den titelgebenden „Dänischen Delikatessen“ um fein mariniertes Menschenfleisch. Was Regisseur Enrico Tinebra und seine elf Schauspieler-Kollegen so richtig auskosten. Da wird ein halbes Bein mit rausstehenden Knochen durch die Gegend geschleppt, dort werden ein paar Finger vom Boden aufgelesen und in der Knochenmühle versenkt. Und jedes Mal gluckst und gickelt es im ausverkauften Saal. Man amüsiert sich wahrhaft köstlich. Vor allem dann, wenn absehbar ist, dass Svend gleich ein neues Opfer im tödlichen Kühlhaus einschließt.

Nach dem sprachlich anspruchsvollen Drama „The King’s Speech“ lässt es das Ensemble im 35. Jahr seines Bestehens humorvoll krachen. In dem liebevoll bis ins Detail gestalteten Bühnenbild, das dem Staatsschauspiel alle Ehren machen würde, agierte das Ensemble bei der Premiere so locker wie souverän. Bis in die Nebenrollen hinein funktioniert jeder Charakter - vom Immobilienmakler (Andreas Salm) über die Metzgereikundin (Kirstin Bettscheider) und den Reporter (Stefan Bohlander) bis hin zur Krankenschwester (Christa Eisenbrandt-Wantz).

Wobei die beiden Hauptdarsteller ihrem Affen so richtig Zucker geben: Markus Limberger spielt den verkappten Psychopathen Svend. Befördert er sein erstes Opfer, den Handwerker (Peter Neu), noch per unglücklichem Zufall ins Jenseits, löst er bald jedes zwischenmenschliche Problem mittels Kühlaggregat und Fleischermesser. Zumal die Kundschaft nach diesem einzigartigen „Hähnchen in Marinade“ lechzt. Aus allen Poren schwitzend, nervös und hoch explosiv, verkörpert Limberger den Metzger mit jeder Faser seines Kittels. Sein Kompagnon Bjarne ist nicht minder punktgenau besetzt. Markus Wantz gibt ihn maulfaul, steif, fast lethargisch – das dies einem Trauma geschuldet ist, erfährt man nach und nach. Da ist Bjarne trotz seiner Reserviertheit längst zum Sympathieträger avanciert.

Dass sich Gegensätze anziehen, beweisen die Freundinnen des Duos: sowohl Franziska Rundstadler (Astrid) als auch Sabine Spaendl (Tina) bringen immer wieder so etwas wie Normalität und frischen Wind ins Geschehen. Zum Glück taucht Sascha C. Ferdinand als Bjarnes aus dem Koma auferstandener Bruder Aigil erst im letzten Drittel des Stücks auf. Stiehlt er doch, herrlich gaga und kindlich nervig, zusammen mit seiner geliebten Stoffgiraffe allen und jedem die Show. Legendär die Szene, als er mit einem enthusiastischen „Fass, Hühnchen, fass“ ein Gummihuhn durch die Metzgerei wirft.

Und am Ende? Stellt sich heraus, dass gar nicht Konsistenz und Geschmack der Homo Sapiens-Filets für den kometenhaften Erfolg der „Svend & Co Slagterbutik“ verantwortlich sind, deren Visitenkarte übrigens im wie stets sehr originellen Programmheft steckte. Nein, er beruhte ganz allein auf der hausgemachten Marinade.