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Such den Besucher: Saarlands Museen buhlen auch zwei Monate nach der Wiedereröffnung um Gäste

Museumsbesuch in Zeiten der Post-Pandemie : „Es kommen die, für die es existenziell ist“

Such’ den Besucher: Saarländische Kunsthäuser vermissen auch gut zwei Monate nach den Lockerungen viele ihrer Gäste.

Der Schirm des Museumsbistros ist aufgespannt, auf seiner Terrasse sitzt ein Grüppchen, auf Abstand, und tauscht angeregt Ausstellungserfahrungen aus. Drinnen schlendern zwei Einzelbesucher durch die Säle. Man könnte meinen, in der Modernen Galerie in Saarbrücken wäre es wie vorher. Doch der Museumsbesuch nach der Wiedereröffnung ist noch immer ein anderer. „Viele müssen erst wieder warm werden und haben noch Respekt vor dem Virus“, glaubt ein junger Besucher, der Sportwissenschaften studiert. Bei wenig Betrieb, er ist am langen Mittwoch etwa eine Stunde vor Schließung gekommen, schätzt er die Ansteckungsgefahr bei „quasi null“ ein. „Wenn aber viel los wäre, würde ich es mir auch überlegen“, sagt der 23-Jährige, der, abgesehen vom Museumspersonal und einem Besucher auf dem Weg zum Ausgang, allein durch die Moderne Galerie schlendert.

Es bleibt anders, und zwar nicht nur aufgrund des obligatorischen Mund- und Nasenschutzes. Das merken die Museen – nach der vielen Arbeit mit Hygiene- und Wegekonzepten – auch bei der Ausgabe der Eintrittskarten. Im Deutschen Zeitungsmuseum Wadgassen und in der Römischen Villa Nennig macht sich vor allem der Wegfall von Reisegruppen und Schulklassen bemerkbar. Die Villa hat nach Angaben der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz derzeit nur die Hälfte der Besucher ihres Vorjahresmonats.

„Die Zurückhaltung ist noch spürbar, aber in den Saarbrücker Häusern haben sich die Besucherzahlen schneller erholt als wir dachten“, sagt Andrea Jahn, neue Leiterin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Der Zuspruch sei aber nicht so groß, dass die Zutrittsbeschränkungen zu Warteschlangen führten. Und so macht sich die Unsicherheit der Besucher auch in der Modernen Galerie bemerkbar. Während im Juni 2019, als gleich drei neue Ausstellungen eröffnet wurden, 3000 Besucher in die Moderne Galerie kamen, zog sie diesen Juni nur 900 Interessierte an. Immerhin 400 mehr als im Vormonat Mai, wobei das Haus erst am 15. Mai wiedereröffnet wurde.

Die Moderne Galerie ist in punkto Besucherzahlen aber das Zugpferd der Stiftung, die 2018 in allen ihrer fünf Häuser gut 119 488 Besucher begrüßen konnte. Dabei zählte man in der Modernen Galerie knapp 57 000 Gäste – was durchschnittlich 4740 Kunstinteressierten pro Monat entspräche, wenn ein Museumsmonat wie der andere wäre. Ist er während einer Pandemie aber noch weniger als sonst: Während die Moderne Galerie diesen Mai auf die Eröffnung einer Schau des US-amerikanischen Künstlers Philipp Taaffe verzichten musste, stimmt Jahn nun der „große Zuspruch“, den die Schau über den Fotografen Boris Becker erfährt, optimistisch.

„Es kommen diejenigen, für die es existenziell ist“, sagt eine Besucherin, die mit ihrer Bekannten schon Mitte Mai zur Wiedereröffnung der Alten Sammlung geeilt war, und seitdem in zwei Monaten drei Museen besichtigt hat. „In der Alten Sammlung waren wir zu zweit, das war traurig“, sagt die 63-Jährige. An jenem Mittwochabend haben sie an einer After-Work-Führung durch die Moderne Galerie teilgenommen. „Museum als Bonbon, das man zusätzlich macht, oder die Schau, die man gesehen haben muss, weil man sonst nicht dazu gehört, das war vor Corona ein gesellschaftliches Phänomen“, erzählt eine andere Besucherin. „Nun geht der harte Kern, der immer ins Museum gehen wird.“ Ausgenommen Ältere, die sich „generell bei Allem noch zurückhalten“ würden. Ein dritter Teilnehmer der After-Work-Museums-Runde erinnert sich an seinen jüngsten Besuch der Städtischen Galerie in Neunkirchen und berichtet: „Es geht langsam wieder los, als ich die aktuelle Ausstellung besucht habe, herrschte dort, für Neunkirchen und einen Samstagnachmittag, normaler Betrieb.“ Bis auf die Maske sei es ein normaler Besuch gewesen.

„Wie viele Museen und Ausstellungshäuser spüren auch wir, dass der Besuch verhaltener ist als noch vor Corona“, bilanziert Beate Kolodziej, Pressesprecherin von der Städtischen Galerie Neunkirchen. Leiterin Nicole Nix-Hauck präzisiert: „Seit der Wiedereröffnung am 30. Mai hat die Galerie coronabedingt rund ein Drittel weniger Besucher zu verzeichnen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.“ Man nahm mit einer neuen Ausstellung von Bettina van Haaren wieder den Betrieb auf – ohne einen Ansturm zu erwarten. Dafür waren die Werkstattgespräche mit van Haaren so schnell ausgebucht, dass Kolodziej kommentiert, „wir merken aber auch, dass Interesse an Kunst und Kultur besteht, gerade was zusätzliche Angebote angeht.“ Von Besuchern oder Besucherinnen, die mit Masken hadern, habe man hier nicht gehört. Im Gegenteil: „Eine ältere Besucherin teilte uns mit, dass ihr das Tragen einer Maske Sicherheit gibt und sie – zugehörig zur Risikogruppe – dementsprechend die Ausstellung entspannt genießen und so in Ruhe von Bild zu Bild gehen konnte“, berichtet Kolodziej.

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte konnte eher, schon am 15. Mai, wieder öffnen. Dort soll die erste Besucherin bereits vor 10 Uhr vor der Gebläsehalle gestanden haben. „Das war für uns alle ein Highlight“, lässt die Hütte wissen. Danach sei das Interesse von Tag zu Tag unterschiedlich gewesen. Zwei Monate später herrscht kein normaler Sommerbetrieb, obwohl das Besucheraufkommen deutlich ansteige und Individualtouristen aus Deutschland wieder eine Eintrittskarte lösen – was „schmerzlich“ fehlt, sind Gruppen aus Reisebussen. „Insofern kommen insgesamt immer noch viel weniger Gäste als in den Vergleichszeiträumen früherer Jahre“, teilt die Hütte weiter mit. Entscheidend sei aber die positive Gesamtentwicklung, weshalb man in Gebläsehalle und Möllerhalle optimistisch ist. Auch wegen zahlreichen Führungen in den Sommerferien, dem „Völklinger Hütten Jazz“ und geplanten Kooperationen mit Saarländischem Staatstheater und Netzwerk Freie Szene Saar.

Im Saarlandmuseum geht es an jenem Mittwoch auf 20 Uhr, die Schließzeit. Vitaliy ist auf dem Weg zum Ausgang. Der Frankfurter, beruflich in Saarbrücken, schaut sich nach der Arbeit in den hiesigen Museen um. Er zieht den echten dem virtuellen Besuch vor. „Online-Ausstellungen finde ich nicht interessant, sie geben mir nicht die Emotionen, die ich vor Ort im Museum empfinde“, erklärt der 27-Jährige. Und der junge Mann, der Sportwissenschaften studiert, sieht es ähnlich. „Ich habe einmal durch eine virtuelle Ausstellung gescrollt, aber im Museum zu sein ist etwas ganz anderes, ich will die Atmosphäre mit den großen Räumen erleben und meine Freizeit nicht am PC verbringen.“ Er habe während der Pandemie kaum virtuelle Kultur konsumiert – bis auf ein paar Technokonzerte auf Arte.