Stilvielfalt beim „Blues and Roots-Festival“ in Breite 63 in Malstatt

Saarbrücken : Große Stilvielfalt beim „Blues and Roots-Festival“ in Malstatt

Am Wochenende präsentierte die Kulturbühne der Breite 63 zum dritten Mal das „Blues and Roots-Festival“. Den Anfang machte freitags der Blues mit zwei gegensätzlichen Bands: einmal Cajun-Musik aus Louisiana mit der Band Le Clou, sehr rhythmisch, sehr schnell, sehr tanzbar – und dann das genaue Gegenteil mit der 72-jährigen amerikanischen Sängerin Sydney Ellis mit ihren Midnight Preachers.

Letzteres war dann eher Chicago-Blues mit Soul- und Jazz-Einflüssen. Beides kam beim Publikum bestens an. Einen fulminanten Doppelpack hatte dann der Samstag mit dem Thema „Roots“ („Wurzeln“) zu bieten. Die liegen bei der Brüsseler Formation „Ialma“ in Galizien, dem Herkunftsland der Eltern und Großeltern der vier Sängerinnen, die mit Star-Akkordeonist Didier Laloy und Gitarrist Quentin Dujardin angereist kamen.

Galizien ist offenbar eine musikalisch besonders interessante Region. Dort treffen spanische und portugiesische Einflüsse auf das keltische Erbe, dazu brachten Rückkehrer aus Lateinamerika etwa die Rumba mit in die nordwestspanische Gegend. „Die Kultur und die Musik dort sind sehr stark“, sagte Sängerin Marisol Palomo nach dem Konzert. Oh ja, das konnte man nur bestätigen.

An perkussiven Elementen beschränkte sich „Ialma“ auf eine per Fuß von Dujardin gesteuerte Bassdrum und einem Schellenkranz. Trotzdem hatte das Ganze eine unglaubliche Wucht. Der Charme und die Power der vier weiblichen Stimmen, insbesondere der von Hauptsängerin Veronica Codesal, dazu der großartige Virtuose Laloy, den Armin Beyer von der Breite 63 schon lange mal herholen wollte, Dujardins temperamentvolle Gitarre – all das riss unheimlich mit. Letztlich stand die gesamte Breite 63, tanzte Rumba und sang lauthals „Ay lá lá“.

Aber wer jetzt gedacht hatte, dass der Auftritt von „Ialma“ nicht mehr zu toppen wäre, der kannte „Violons Barbares“ noch nicht. Allein die Besetzung dieses Trios gibt es weltweit sicher kein zweites Mal: Da ist zum einen Percussionist (oder doch Schlagzeuger?) Fabien Guyot, der zwar schon ein Trommel-Set mit Händen und Füßen bedient, dabei aber auf Bassdrum und Hihat verzichtet. Zum anderen spielt der aus Bulgarien stammende Elsässer Dimitar Gougov die Gadulka, ein elfsaitiges Streichinstrument, das gleichzeitiges Singen erlaubt. Faszinierendste Figur der Gruppe ist aber der aus der Mongolei stammende Enkhjargal Dandarvaanchig Morin Khoor, der Pferdekopfgeige spielt und sich der Einfachheit halber Epi nennt.

Seine Stimme ist ein musikalisches Wunder: Das geht von unglaublichen Basstönen bis in die Höhen der weiblichen Stimmlage. Außerdem beherrscht Epi sowohl Ober- als auch Untertongesang und klingt von daher zeitweise wie ein Didgeridoo. In der Breite 63 stiegen die drei mit einem richtigen Brett ein: „Stravinsky Lost in the Desert“ heißt eine Komposition von Guyot, die gleich mal zeigte, wo es langgeht. Sehr orientalisch tönte das bisweilen, dann aber auch mal rockig, häufig mit ungeraden Rhythmen – jedenfalls immer abwechslungsreich und mit außergewöhnlichen Klängen.

Beim mongolischen Wiegenlied brachte Epi es fertig, eine Melodie nur mit Obertönen zu singen. Dann forderte Gougov die Zuschauer zum Tanzen auf, was diese bereitwillig befolgten. „Schööön getanzt, jaaa wunderbaaar“, brummte Epi danach mit seiner „Nach-dem-Wodka-Stimme“. Die „Violins Barbares“, man kann es nicht anders ausdrücken, brannten schlicht und einfach ein Feuerwerk ab. Der Begriff „Ethno Metal“ kam einem da in den Kopf, so brachial waren die Breaks, so rasant die Läufe, so gewaltig die Tonfolgen. Am Ende riss es die knapp 100 Zuhörer aus den Sitzen, sie spendeten lange und verdienten Beifall.

Ein wahrhaft glückliches Händchen hatten die Breite-63-Macher Hans-Martin Derow und Armin Beyer, als sie solch fantastische Bands für ihr Festival auswählten.

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