| 20:34 Uhr

Sedlmeir, der aus dem Saarland kommt...
„Spießigkeit entsteht immer aus Angst“

Henning Sedlmeier aus Bexbach erklärt im SZ-Gespräch seine Vision von Musik. Von Kai Florian Becker

Herr Sedlmeir, lieben Sie das Risiko?


Sedlmeir: Puh, zuweilen ja – ein bisschen. (lacht)

Oder sind Sie auch ein Spießer, der auf Nummer Sicher geht?

Sedlmeir: Also ganz ehrlich gesprochen: Ein bisschen Spießer habe ich auch in mir drin. Aber gegen den versuche ich natürlich anzustinken. Spießigkeit entsteht immer aus Angst, und Angst ist natürlich bei Lebensfragen immer ein langweiliger Ratgeber. Klar, jeder hat im Grunde Angst in sich. Die
Frage ist aber, wie damit umzugehen ist. Fakt ist: Auch ich habe Angst und bin manchmal Spießer.

Sie treten seit langem als Solokünstler auf. Ist es ein Risiko, alles im Alleingang zu machen?



Sedlmeir: Das würde ich nicht sagen. Alles alleine zu machen, ist insofern risikofrei, als dass man selbst souveräner ist. Man kann selbst entscheiden, was wie wann aufgenommen wird und wie es zu klingen hat und wann wo gespielt wird. Es besteht nicht das Risiko, dass plötzlich der Bassist krank wird oder Depressionen bekommt und in der Folge ein Konzert ausfällt. Daher ist es risikofreier.

Alleine aufzutreten, kam das aus Ermangelung geeigneter Mitmusiker, aus dem Wunsch heraus, die Kontrolle zu behalten und keine Kompromisse eingehen zu müssen, oder eher aus Zufall zustande.

Sedlmeir: Die Summe aus alledem. Ich habe natürlich gerne die Kontrolle darüber, wie etwas am Ende klingt. Das liegt daran, dass die Idee eines Songs in meinem Kopf oft schon so fix ist, dass es für Mitmusiker eine Zumutung wäre, den Song so umzusetzen, wie ich es will. Das bringe ich auch nicht übers Herz. Der andere Grund ist: Ich wollte einfach mal ein Soloalbum machen. Das fing 2004 mit einer Platte an. Nach der wollte ich die Idee eigentlich gar nicht weiterverfolgen. Aber das hatte dann einen solchen Spaß gemacht – auch mit den Konzerten –, dass es nunmehr schon sechs Soloalben sind. Dabei habe ich festgestellt, dass ich es ganz gut genießen kann, alles alleine zu machen – etwa im Zug zu sitzen und von Show zu Show zu fahren. Ich treffe vor Ort ja immer Leute und bin nicht alleine, aber insgesamt souverän.

Ist es für Sie etwas Besonderes, im Saarland bzw. in Saarbrücken
aufzutreten? Schließlich haben Sie hier lange gelebt und in zwei
legendären Bands gespielt: Blind und Stereohools.

Sedlmeir: Ob die so legendär waren, weiß ich nicht. Aber klar ist etwas Besonderes, im Saarland zu spielen. Es ist die Heimat meines Herzens. Wenn ich da hinkomme, kenne ich viele von denen, die auf dem Konzert erscheinen, persönlich oder hatte irgendwann mal irgendwie mit ihnen zu tun. Das ist natürlich aufregender, als in Duisburg zu spielen, wo ich kaum jemanden kenne.

Wie viel Saarländer steckt noch in dem Wahlberliner Sedlmeir?

Sedlmeir: Viel. Ich bin ja erst mit 30 Jahren nach Berlin gezogen, dann kriegst Du den Saarländer nicht mehr raus. Ich mochte an Berlin anfangs das Saarlandkompatible. Auch Berlin hing am sozialen Tropf des Bundes. Und als ich 2004 hierher zog, sah man auf der Straße so herrlich lahmarschige Leute, denen konntest du im Gehen die Schuhe besohlen. Das war goldig. Das ändert sich leider gerade alles. Berlin wird hektischer, alles wird teurer und in der ganzen Welt kaufen sie Berliner Wohnungen und Häuser – da wird es langsam ungemütlich.

Das Gespräch führte Kai Florian Becker

Termin: Freitag, 15.12., 19 Uhr, Kleiner Klub, Saarbrücken

www.garage-sb.de