Sonnenbergklinik gibt auf Wunsch Elektroschocks gegen Depressionen

Kostenpflichtiger Inhalt: Saarbrücken : Ein Saarbrücker kämpft gegen die Depression

Erst nach einer Behandlung mit Elektroschocks ging es ihm besser. Die Kliniken wenden diese Therapie selten an – sie ist umstritten.

Ingo Z. (Name geändert) stand Mitten im Leben. Ein Job im Bildungswesen, Haus, Familie. Plötzlich wurde der Saarbrücker krank. Die Diagnose: schwere Depression. Weil er seinen Alltag nicht mehr alleine bewältigen konnte, begab er sich zur stationären Behandlung auf den Sonnenberg. Doch er fühlte sich immer schlechter, war antriebslos, hatte das Gefühl, nie wieder aus der Depression herauszukommen. Medikamente zeigten keine Wirkung.

Es verging ein halbes Jahr, bis Ingo Z. etwas half. Er hatte sich auf Empfehlung seines behandelnden Psychiaters für die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) entschieden. Das bedeutet: Ingo Z. bekam Elektroschocks. „Natürlich war ich erst mal skeptisch. Ich war aber auch verzweifelt und wollte alles versuchen, um aus dieser Situation herauszukommen.“

Behandlung psychisch kranker Menschen mit Stromstößen – das klingt erst mal brutal. Manch einer fragt sich: Wird das wirklich noch gemacht?

„Bei bestimmten Formen der schweren Depressionen mit Suizidgedanken oder auch bei schizophrenen Psychosen sind Elektroschocks eine extrem wirksame Behandlungsoption“, sagt Privatdozent Dr. Ulrich Seidl, Chefarzt an der Psychiatrie der SHG-Kliniken Sonnenberg. Die Erfolgsquote bei schweren Depressionen liege bei knapp 80 Prozent, daher werde sie auch von Bundesärztekammer und psychiatrischer Fachgesellschaft empfohlen. „Es ist aber ganz wichtig, dass die Diagnose stimmt“, sagt Seidl. Obwohl die Wirksamkeit wissenschaftlich belegt sei, werde die EKT vergleichsweise selten eingesetzt.

Wie läuft so eine Therapie ab? Auf dem Sonnenberg gibt es einen speziellen Raum. Behandlungen finden dreimal in der Woche statt. Patienten können ihre normale Kleidung anbehalten und bekommen eine Kurznarkose, damit sie nichts spüren. Neben einem Anästhesisten sind immer auch ein Psychiater und mehrere Helfer dabei.

Daniel Tull ist Pfleger und kennt die Abläufe einer Elektroschocktherapie in und auswendig. Manchen Patienten hält er während des Prozesses die Hand. „Die Stromzufuhr erfolgt in kleinen Intervallen und dauert insgesamt niemals länger als acht Sekunden“, erklärt er. Die Stromstärke werde individuell für jeden Patienten angepasst. „Sie ist geringer, als wenn man an einen Weidezaun fasst“, sagt Tull.

Mit Hilfe der Elektroschocks verursachen die behandelnden Ärzte einen epileptischen Anfall bei den Patienten. „Bei solchen Krämpfen wird ein komplexer Prozess im Gehirn angestoßen, der längst noch nicht verstanden ist“, sagt Seidl.

Um zu verhindern, dass bei dem vom Elektroschock ausgelösten Krampfanfall die Arme und Beine zucken, injizieren die Ärzte zusätzlich ein muskelentspannendes Mittel. Muskelzuckungen im Gesicht lassen sich nicht verhindern, denn dort sind die Elektroden angebracht. Patienten bekommen als Schutz vor Verletzungen einen Beißkeil in den Mund. „Eine halbe Stunde nach der Behandlung sitzen die Patienten schon wieder am Mittagstisch“, sagt Pfleger Tull.

Eine völlig unbedenkliche Behandlungsmethode sind die Elektroschocks nicht. „Das Gedächtnis kann leiden, aber das ist in der Regel vorübergehend“, sagt Seidl.

Der Medizinjournalist Peter Lehmann kritisierte das am 29. Oktober bei seinem Vortrag in der Saarbrücker Stadtbibliothek. Lehmann ist der Ansicht, dass durch Elektroschocks langfristige Gedächtnisschäden entstehen können; die psychiatrischen Kliniken würden nicht genügend über die Gefahren aufklären.

Seidl widerspricht. Im Aufklärungsbogen und im persönlichen Gespräch werde auf die Gefahren hingewiesen. Auch bekomme niemand Elektroschocks gegen seinen Willen. „Die EKT wird zusammen mit dem Patienten gegen das Risiko von Gedächtnisstörungen abgewogen. In vielen Fällen nimmt man das Risiko in Kauf, weil eine erfolgreiche Therapie die Lebensqualität verbessert.“

Ingo Z. vergleicht seinen Zustand unmittelbar nach den Schocks mit einem Filmriss nach zu viel Alkohol. „Ich konnte mich teilweise nicht erinnern, was am Tag davor passiert ist.“

Nach etwa der Hälfte von zwölf EKT-Sitzungen merkte er wie es ihm besser ging: „Ich konnte plötzlich wieder strukturiertere Gedanken fassen, bekam neuen Antrieb und das Gefühl, wieder aus der Klinik herauskommen zu können.“ Inzwischen ist Ingo Z. wieder zuhause und findet langsam in den Beruf. Die EKT habe ihm Lebensqualität zurückgebracht, auch wenn längst noch nicht alles gut ist.

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