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So war der erste Tag im Regionalverband mit gelockerten Corona-Regeln

Wie Handel und Kunden im Regionalverband die neuen Corona-Regeln erleben : Einkaufsbummel mit Einlass-Begrenzung

Am Montag öffneten viele Geschäfte zum ersten Mal nach der Zwangspause. Viele bangen weiter ums wirtschaftliche Überleben.

Ohne Hektik präsentierte sich die Saarbrücker Innenstadt am Montag, als die Lockerung der Corona-Vorschriften begann. Die maximal zugelassenen Besucherzahlen wurden lediglich in wenigen Geschäften erreicht.

Nur vor Drogeriemärkten oder einem Telefonanbieter standen Kunden Schlange. Sonst ging es entspannt zu. Stephanie Kohlen-Ciolek vom Sporthaus Kohlen war „positiv überrascht vom Betrieb“. Noch positiver sei, dass die Hälfte der Kunden mit Mundschutz in den Laden komme und Abstand halte. Masken trug das Personal fast überall, etwa bei Leder Spahn.

Die Buchhandlung Bock&Seip regelte die Kundenmenge über die Zahl der ausgegebenen Einkaufskörbe, sagt Dörte Heinrich. Es blieben stets Körbchen übrig. Im Modeladen „Stoffwechsel“ war eine Klingel installiert. Verkäuferin Emma Greco brauchte sie nicht, da deutlich weniger Kunden im Laden waren als erlaubt: „Die warten alle ab. Die Frequenz nimmt zur Wochenmitte schon noch zu.“

Karstadt und Kaufhof waren  gestern nach wie vor geschlossen. Die Kaufhauskette will sich nicht damit abfinden, dass der größte Teil ihrer Häuser zu bleiben soll. Sie reichte einen Eilantrag beim Oberverwaltungsgericht Saarlouis ein. Die Karstadt-Lebensmittelabteilung war nach wie vor durch einen eigenen Eingang zugänglich.

Schwer zu schaffen macht die Krise den Gastronomen. Lockerungen gibt es für sie bis Anfang Mai nicht. Manche versuchen, mit einem Lieferservice wenigstens einen Teil der entgangenen Einnahmen reinzuholen. Seit Dienstag voriger Woche probiert das auch die Tante Maja am St. Johanner Markt. Inhaberin Catalina Kremers-Da Palma weiß, dass das nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“ sein wird. Normalerweise beschäftigt sie in dieser Jahreszeit 38 Leute. Zwei Köche hat sie noch im Restaurant, damit ihr Liefer- und Abholservice funktioniert. Die übrigen Angestellten seien in Kurzarbeit, die Aushilfen könne sie erst mal nicht mehr beschäftigen.

Besonders bitter sei, dass das Haus im März, April und Mai meist die Umsätze macht, um den Winter zu überstehen. „Es ist eine Riesenkatastrophe“, sagt Kremers-Da Palma, zumal schon Herbst und Winter nicht gut gewesen seien. Langsam werde es eng. Zuschüsse seien beantragt, die Antwort stehe noch aus. Kremers-Da Palma rechnet damit, dass der Betrieb ab Anfang Mai höchstens mit Einschränkungen weiterläuft. Sie hofft, dass die Umsatzsteuer für Gastronomiebetriebe von 19 auf 7 Prozent gesenkt und die Kurzarbeit-Regelung ausgeweitet wird. Das würde ihr schon sehr helfen.

 Vor fast 30 Jahren kam Lam Nguyen The aus Vietnam nach Deutschland. In Püttlingen hat er das Asia-Restaurant Bangkok-Peking. Per Telefon konnten Kunden schon lange Essen bestellen, was ihm nun zugutekommt: Der 50-Jährige reicht seine Speisen durch ein Fenster mit Plexiglas-Konstruktion, ein Tisch davor sorgt für Abstand, das Geld wird in ein Körbchen gelegt. Der Verkauf „klappt wunderbar“, sagt Lam Nguyen The, und er hofft, wenigstens die laufenden Kosten seines Restaurants reinzuholen. In normalen Zeiten hat er mittags bis 14.30, abends bis 23 Uhr geöffnet, jetzt mittags bis 14, abends bis 21 Uhr. Das Zurückfahren der Beschränkungen sieht er so: Einerseits müsse es ja weitergehen. Doch das Virus sei ja noch da. „Die Gefahr besteht also weiter. Sollte ich selbst angesteckt werden, kann ich zumachen.“

Als im September 2019 der Reiseveranstalter Thomas Cook in die Insolvenz schlitterte, dachte Tina Pauli: „Schlimmer geht’s nimmer.“ Jetzt sieht sich die Inhaberin eines Reisebüros in Riegelsberg vor noch größere Probleme gestellt: „Die Coronakrise ist ein Stich ins Herz für unsere Branche. Der Umsatz geht gegen null. Schlimmer könnte die Lage nicht sein.“ Pauli (47) meint, theoretisch könnte sie ihren kleinen Laden wieder öffnen, aber diese Woche warte sie noch ab.  Telefonisch ist das Reisebüro Pauli weiter erreichbar. Tatsächlich rufen viele an. „Die Leute fragen, ob sie anstehende Restzahlungen für gebuchte Reisen leisten sollen, ob sie ihr Geld zurückbekommen, wenn Reisen ausfallen. Oder ob sie ihren Urlaub wie geplant antreten können.“ Weit in die Zukunft blicken kann Pauli nicht. Klar sei: „Das Auswärtige Amt hat seine Reisewarnung bis 3. Mai verlängert.“ Zumindest solange sei das weltweite Reiseprogramm ausgesetzt. Ans Aufgeben denkt die Riegelsbergerin nicht, dafür steckt sie zu viel Herzblut in ihren Beruf. Sie ist sicher, dass wieder bessere Zeiten kommen. Dann kann Tina Pauli ihren Urlaub in der Türkei nachholen, den sie gerade absagen musste.

Das Geschäft „Blumen, Ambiente, Mode – Monika Becker“ in Kleinblittersdorf war seit dem 18. März geschlossen. Das bedeutete Kurzarbeit für das vierköpfige Team der Inhaberin. Monika Becker fand heraus, dass Blumengeschäfte einen Lieferservice bieten dürfen. „Der glich nur minimal meine Umsatzeinbußen aus. Wir haben zudem das Problem, dass wir noch Mode anbieten und einen Teil der Frühjahrs- und Sommerkollektion nicht verkaufen konnten.“ Und im Juli, August folge schon die Herbstkollektion. Mit den Vorschriften kommt Becker zurecht, ob es nun um den Spuckschutz oder um Masken geht. 50 Stück für das Personal hat Becker besorgt und bereits eine Nachfolge-Lösung gefunden: genähte, waschbare Masken mit auswechselbarem Filter. Becker sagt, sie teile die Empfehlung der Politik, beim Einkauf Mundschutz zu tragen. Und sie freue sich auf den Neustart. „Hauptsache, ich kann wieder öffnen. Ich bin nicht pessimistisch und hoffe, dass es bald wieder so wird wie vor der Krise.“

Nach mehr als einem Monat, in dem Alban Sunde seine Buchhandlung am Dudweiler Markt nur über einen Online-Shop betreiben konnte, steht er seiner Kundschaft seit gestern wieder mit Rat und Tat zur Seite. Er und die beiden Mitarbeiter haben sich darauf verständigt, im Laden keine Schutzmaske zu tragen, solange es keine Vorschrift gibt. Den Kunden überlässt er die Entscheidung. Am Montag habe es Besucher sowohl mit als auch ohne Mundschutz gegeben. „Solange sich nicht alle am Krimi-Regal tummeln“, sagt Sunde, könne er auf seinen 120 Quadratmetern problemlos fünf Kunden gleichzeitig reinlassen. „Zur Sicherheit“ lasse er nur drei Personen gleichzeitig rein. Trotz des erfreulichen Zuspruchs für den Online-Shop während der Schließung ist Sunde froh, wieder persönlichen Kontakt zu den Kunden zu haben. Natürlich mit dem gebotenen Abstand. Um sich und die Kunden möglichst gut gegen die Viren zu schützen, habe er sich mit reichlich Desinfektionsmittel eingedeckt.

Lam Nguyen The reicht das Essen in Püttlingen aus dem Fenster. Foto: Engel
Jörg Welker (Sporthaus Kohlen) hatte viele entspannte Kunden. Foto: BeckerBredel

„Eine ganz schön unsichere Geschichte“, nennt Andreas Massone die Lockerungen. Er ist Inhaber des „Dragonlord Games“, eines Saarbrücker Fachgeschäftes für Spielwaren, Sammelkarten und Miniaturspiele aus Fantasy und Science Fiction. Das  Konzept ist auf einen speziellen, nicht allzu großen Kundenstamm zugeschnitten, weshalb Massone zusätzlich Turniere ausrichtet – normalerweise. Die bleiben aber verboten. Am Freitag hat der 40-Jährige daher erst einmal umgestaltet. „Die Eventfläche wurde entfernt. Die Stühle haben wir weggeräumt, damit die Leute gar nicht erst auf die Idee kommen, zu verweilen.“ Verunsicherung bleibt. Weder wisse er, wie viele Menschen er reinlassen darf, noch was passiert, wenn die Anzahl überschritten wird, während er abgelenkt ist und gleichzeitig eine Kontrolle kommt. „Wie kann man das regulieren? Wie kommunizieren?“ Zwar könne man Zettel drucken, aber er wisse, dass nur „einer von zehn“ die liest. „Wie ich das alles alleine machen soll, weiß ich nicht.“