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Serie Saarbrücker Zeitung Helden des Corona-Alltags im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Helden des Corona-Alltags – Teil 1 : Wer in der Krise wirklich wichtig ist

Krisenzeiten bringen Helden hervor, heißt es. In der Corona-Krise zeigt sich jetzt allerdings: Eigentlich waren sie schon immer da – wir haben sie nur nicht gesehen. Zeit, das zu ändern.

Das Corona-Virus hat das Land in einen Shutdown versetzt. Geschäfte wurden geschlossen, Kinos ebenfalls, Konzerte und Fußballspiele abgesagt, Maschinen ausgeschaltet. Shutdown – das bedeutet „Herunterfahren“, „Stilllegung“. Salopp gesagt: den Laden dichtmachen.

Nur stimmt dieses Bild nicht. Während das öffentliche Leben völlig zum Erliegen gekommen ist, läuft der Laden nämlich trotzdem weiter. Nur eben ganz anders als gewohnt. Wenn Corona uns zu etwas zwingt, dann zu einer radikalen Neubewertung unserer Prioritäten – einer Rückbesinnung auf das Allernötigste.

Was brauchen wir wirklich? Gesundheit, heute noch mehr als sonst, aber dafür brauchen wir jemanden, der uns pflegt. Was brauchen wir? Sicherheit, aber dafür sind Regeln nötig und jemand, der sie durchsetzt. Was brauchen wir? Essen natürlich, aber das muss uns jemand verkaufen. Doch wie kommen wir zum Einkaufen – oder die Verkäuferin zu ihrem Arbeitsplatz? Wir brauchen offensichtlich auch Mobilität.

Nichts davon läuft automatisch. Wir brauchen sie, die Menschen, die den Laden am Laufen halten. Sie arbeiten auch in dieser Krise weiter. Häufig riskieren sie dabei ihre eigene Gesundheit, immer tun sie es unter erschwerten Bedingungen. Jeder kennt solche Menschen. Trotzdem nimmt manch einer sie normalerweise erst dann wahr, wenn sie nicht so funktionieren, wie er es sich wünscht. Es sind Menschen, auf die er vielleicht sogar ein wenig herabsieht. Der Busfahrer, den man beim Einsteigen nicht grüßt und über den man sich ärgert, wenn er mitten im schlimmsten Feierabendverkehr drei Minuten verspätet ist. Die Verkäuferin, mit der man nur spricht, um sie anzuschnauzen, weil sich die Kassenschlange zu langsam bewegt. Der Krankenpfleger, den man mit dem Spruch „Also ich könnte das ja nicht“ zu schmeicheln versucht, während man insgeheim denkt: Das bisschen Bettpfannen leeren und Fieber messen – das kann doch jeder.

„Systemrelevant“ ist ein sperriger Begriff. Ein Wort, das technisch klingt, irgendwie kalt. Nichts, was man nutzen sollte, um die Menschen auf dieser Seite zu beschreiben. Wir haben Foto-Porträts von ihnen gemacht, weil sie es sind, die wir wirklich brauchen – und zwar nicht nur in der Krise. Der Volksmund hat ein anderes Wort für sie gefunden: Alltagsheld. Natürlich wollte sich keiner von ihnen selbst so bezeichnen. Aber das tun Helden nie.

Heike Mohr Foto: Robby Lorenz

Heike Mohr, 48, ist seit 31 Jahren Verkäuferin beim Aktiv-Markt Kessler in Wiesbach: „Am Anfang war alles schon ein bisschen schwieriger. Ich arbeite an der Obst- und Gemüsetheke – wir haben hier keine Selbstbedienung. Vorher war der Gang zur Theke offen, aber den haben wir jetzt abgesperrt. Dahinter fühle ich mich wie in so einer kleinen Burg. Das ist ein Bereich, wo keiner an mich rankommt. Das gibt mir schon Sicherheit. Trotzdem ist man als Verkäuferin sozusagen ständig Gefahr ausgesetzt mit dem ganzen Publikumsverkehr im Laden. Aber das ist halt so. Wenn viel Betrieb ist, müssen die Leute auch mal draußen warten, damit der Abstand gegeben ist. Das funktioniert aber ganz gut. Inzwischen sind alle sehr verständnisvoll. Da gibt es kein Gegrummel. Bei uns auf dem Land kennt sich ja jeder, da ist es auch kein Problem, die Leute mal auf die Regeln hinzuweisen. Als das mit den Hamsterkäufen anfing, war der Betrieb der reine Wahnsinn, aber inzwischen hat sich das wieder normalisiert. Manchen geht die ganze Situation inzwischen schon an die Substanz, aber da müssen wir jetzt einfach durch.“

Ralf Daub Foto: Robby Lorenz

Ralf Daub, 55, aus Karlsbrunn fährt seit 30 Jahren Bus für die Saarbahn: „Ich bin in einer Whatsapp-Gruppe mit anderen Busfahrern. Dort hat eine Kollegin geschrieben, dass die Leute den Fahrern applaudiert hätten. Ein Held bin ich nicht, meine Arbeit ist sogar stressfreier geworden. Es sind viel weniger Leute unterwegs. Die Straßen sind so frei, dass ich aufpassen muss, bei meinem Plan nicht ins Plus zu kommen, also zu früh bei den Haltestellen zu sein. Von meinem Startpunkt aus fahre ich deshalb extra schon ein paar Minuten später los, aber ich rutsche trotzdem schnell ins Plus. Es spart viel Zeit, dass ich nicht mehr Abkassieren muss. Ich bin ziemlich unterbeschäftigt. Die Schicht zieht sich ewig, weil es so langweilig ist. Nach so langer Zeit als Busfahrer kennt man viele Fahrgäste. Das fehlt mir schon, diese Nähe zu den Leuten. Schon Wahnsinn. Wie es weitergeht weiß man ja nicht. Am 4. Mai wollte ich eigentlich nach Malle fliegen, aber das geht jetzt natürlich nicht. Im August möchte ich aber wieder hin. Ich will Freunde treffen, die ich dort über die Jahre kennengelernt habe. Wenn der Urlaub auch noch flachfällt, werd ich sauer.“

Philipp Meyer Foto: Robby Lorenz

Philipp Meyer, 60, ist seit 42 Jahren Fachkrankenpfleger bei den SHG-Kliniken in Völklingen: „Ich arbeite normalerweise auf der internistischen Intensivstation, die jetzt zu unserer Covid-19-Intensivstation wurde. Ich habe keine Angst, mich zu infizieren, weil wir strenge Schutzmaßnahmen haben, aber ein gewisser Respekt ist natürlich da. Trotzdem war für mich klar, dass ich auf der Station bleibe. Nach so vielen Dienstjahren können die jüngeren Kollegen mit allen Fragen zu mir kommen. Die lässt man nicht einfach hängen. Die Grundpflege bei den Patienten ist gleich geblieben, aber das korrekte Anziehen der Schutzkleidung ist sehr zeitaufwändig. Durch die FFP3-Masken ist es schwierig zu atmen. Die Lockerungen, die jetzt beschlossen worden sind, finde ich zu früh. Ich habe zwei Söhne. Der jüngere muss ab 4. Mai wieder in die Schule. Ich sehe das wirklich sehr skeptisch. Wir können diese Krise bewältigen, aber es ist nun mal ein Grenzgang. Wir haben hier auch schon Covid-19-Patienten verloren. Die Hoffnung nehme ich aus der Stärke meines Berufs und aus meiner Berufserfahrung.“

Michaela Maurer Foto: Robby Lorenz

Michaela Maurer, 25, ist seit vier Jahren Polizeikommissarin bei der Polizeiinspektion Neunkirchen: „Seit Corona bin ich sehr viel häufiger als sonst draußen auf Streife. Ich kontrolliere vor allem Personengruppen im Sinne der Corona-Verordnung. Viel häufiger werde ich aber angesprochen, weil die Leute unsicher sind und wissen wollen, was sie jetzt dürfen und was nicht. Zum Beispiel fragte mich jemand, ob er Angeln darf – gilt das als Sport? Da Angeln der Nahrungsbeschaffung dient, waren wir der Meinung, dass das geht, solange Abstand gehalten wird. Sowas ist aber jedes Mal eine Einzelfallentscheidung. Ich habe prinzipiell absolutes Verständnis dafür, dass die Menschen gerne rausgehen. Im Gespräch versuche ich sie für die Regeln zu sensibilisieren. Alle sind einsichtig, wenn wir kommen. Bisher hatte ich noch gar keinen Huddel! Der Aufwand ist natürlich trotzdem größer geworden, auch weil sich so viel nach draußen verlagert hat. Ich arbeite jetzt häufiger abends und am Wochenende. Wir bekommen auch viele Anrufe von Leuten, die uns Verstöße ihrer Nachbarn melden. Das überprüfen wir dann.“