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Serie Saarbrücker Geheimnisse
Eine Erinnerung an die Ewigkeit

Carmen Dams kann einiges über die Entstehung des Gartens und des Zauns erzählen - und sie kennt auch die Geschichte der Buchstaben, die aus dem Zaun herausgestanzt sind. 
Carmen Dams kann einiges über die Entstehung des Gartens und des Zauns erzählen - und sie kennt auch die Geschichte der Buchstaben, die aus dem Zaun herausgestanzt sind.  FOTO: Mike Durlacher
St. Johann. In der Serie „Saarbrücker Geheimnisse“ stellen wir Kurioses und Wissenswertes aus der Stadt vor. Diesmal den Wolfgang-Staudte-Platz. Von Mike Durlacher

Der Blick bleibt an einem der Zaunpfähle hängen. Da ist doch ein Buchstabe herausgestanzt! Und dort hinten noch ein weiterer? Tatsächlich: Hier ist ein E zu sehen, dort ein I, ein paar Zaunlatten weiter ein ganzes Wort: tausend. An der Ecke Trierer Straße/Faktoreistraße kann man im Zaun sogar kleine Vögelchen entdecken. Das etwa 1,70 Meter hohe Stahlgebilde umfasst eine kleine grüne Oase. Einige Bänke säumen den Kiesweg, der hindurchführt.


„Das ist eine Arbeit des Künstlers Christian Cordes. Er war ein Schüler von Jochen Gerz an der Hochschule der Bildenden Künste hier in Saarbrücken“, erzählt die Leiterin des Amtes für Stadtgrün und Friedhöfe, Carmen Dams. Gerz hat unter anderem das „Unsichtbare Mahnmal“ am Schlossplatz geschaffen.

Setzt man die einzelnen Buchstaben und Worte, die aus dem Zaun herausgeschnitten sind, zusammen, ergibt sich folgende Inschrift: „Es ist wohl tausend und mehr Jahre“. Dieses Zitat stammt aus dem Märchen „Die drei Vögelchen“ der Gebrüder Grimm, die kleinen Piepmätze weisen darauf hin.



Das Mahnmal erinnert an die geologische Sammlung der Saarbergwerke, die Jahrtausende alte – hier stellt das Zitat die Verbindung her – Stücke enthielt und in dem alten Gebäude gleich hinter dem Garten untergebracht war.

Denn unter Tage entdeckten die Saarbrücker Bergleute nicht nur das begehrte schwarze Gold, sondern auch Fossilien.

Rund 300 000 Stücke davon finden sich in der Sammlung, die mittlerweile im Lampensaal der ehemaligen Grube Reden in Landweiler-Reden ausgestellt wird. Darunter gibt es zum Beispiel den „Arthropleura armata“, einen Riesen-Tausendfüßler aus dem Saar-Karbon, aber auch viele Abdrücke von Pflanzen. Die Grünfläche, die der Zaun begrenzt, war früher nur etwa halb so groß, die andere Hälfte nahm ein Gebäude ein.

Im Garten spielten sich allerdings „unschöne Dinge ab“, wie Carmen Dams es bezeichnet. Deshalb und aus stadtgestalterischen Gründen sowie zur Klimaanpassung entschied sich die Landeshauptstadt Saarbrücken, das Gebäude abzureißen und eine großzügige Grünanlage anzulegen.

„Die Anlieger sprachen sich aber dafür aus, die Anlage einzufrieden und nachts abzuschließen, damit das ungewollte Treiben nicht wieder einzieht“, sagt Carmen Dams. Diese Aufgabe soll der Zaun erfüllen. Damit er aber auch hält, was er verspricht, nämlich Schutz, sollte ein Statiker die Haltbarkeit der Konstruktion gewährleisten – was bei einem Zaun dieser Höhe auch Vorschrift ist. „Jener Statiker war ein Bekannter von Cordes“, erklärt die Amtsleiterin.

Der Rest ist Geschichte: Der Statiker und der Künstler steckten die Köpfe zusammen, und 2016 wurde schließlich der neue Garten samt Zaun der Öffentlichkeit übergeben. Und mit ihm der Wolfgang-Staudte-Platz. Eine Besonderheit neben dem Zaun ist der Blauglockenbaum, der hier steht. „Durch den Klimawandel geht es Platanen in unseren Gefilden nicht mehr so gut, es ist ihnen zu warm, Krankheiten wie Pilzbefall machen ihnen zu schaffen“, erklärt die Expertin.

Der wunderschön blau blühende Baum hingegen ist an warme und trockenere Standorte angepasst und eignet sich deshalb hervorragend für den Platz.

Dessen Namensgeber, ein gebürtiger Saarbrücker, war einer der wichtigsten deutschen Filmregisseure der Nachkriegszeit. Als Antifaschist, der sich gnadenlose Vergangenheitsbewältigung und Sozialkritik auf die Fahnen schrieb, war er mit Filmen wie „Herrenpartie“, „Rosen für den Staatsanwalt“, „Rotation“ und „Der Untertan“ schnell als „politischer Kindskopf“ oder „verwirrter Pazifist“, wie der Spiegel schrieb, abgestempelt.

Nach „Herrenpartie“, dem letzten Film, den er nach eigener Aussage „machen wollte“, zwang ihn seine finanzielle Lage dazu, Filme zu machen, die er „zu machen hatte“. Er „bekommt zwar Regieaufträge für den ‚Kommissar‘ und den ‚Seewolf‘, doch für zeitkritische Satiren ist die Zeit immer noch denkbar schlecht“, wie Lina Schneider in der „Zeit“ im Artikel „Der Skandal Staudte“ nach dessen Tod am 19. Januar 1984 schrieb.

Inzwischen hat sich die Meinung über den Regisseur stark geändert. Vielleicht diskutiert ja der eine oder andere Besucher, der es sich im Garten mit dem Namen „Wolfgang-Staudte-Platz“ gemütlich macht, über den Namensgeber.

Oder er schwelgt unter dem Blauglockenbaum in Erinnerungen an Grimm’sche Märchen: Es war einmal ...

Eines der drei Vögelchen aus dem Märchen, auf das hier Bezug genommen wird.
Eines der drei Vögelchen aus dem Märchen, auf das hier Bezug genommen wird. FOTO: Mike Durlacher