Begeistert von Büchern In Naßweiler knistern noch die Bücher

GROSSROSSELN/Völklingen · Seit 25 Jahren leitet Selma Linzmaier die Gemeindebücherei in Naßweiler, bringt weniger mobilen Menschen Bücher sogar nach Hause.

Selma Linzmaier und ihr „Baby“: Die Gemeindebücherei im Dorfgemeinschaftshaus des Großrosseler Ortsteils Naßweiler, die sei seit 25 Jahren leitet und alleine betreut.

Selma Linzmaier und ihr „Baby“: Die Gemeindebücherei im Dorfgemeinschaftshaus des Großrosseler Ortsteils Naßweiler, die sei seit 25 Jahren leitet und alleine betreut.

Foto: BeckerBredel

Dienstagnachmittag im Dorfgemeinschaftshaus des Großrosseler Ortsteils Naßweiler: Schon lange vor dem offiziellen Start der Ausleihe stöbert Gisela Kohler in der Gemeindebücherei. Sie wohnt nur einen Katzensprung entfernt. Als sie Büchereileiterin Selma Linzmaier zufällig an der Bücherei ankommen sah, machte sie sich auf den Weg. Auch viele andere Leseratten wissen: Wenn das rote Auto vor dem Gebäude parkt, ist die Tür der Bibliothek schon offen.

„Es geht nichts über ein Buch aus Papier“, sagt Gisela Kohler, „es muss knistern, es muss riechen.“ In der Bibliothek findet sie genügend Nachschub – bedrucktes Papier, so weit das Auge reicht: Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur. In einem Regal steht der Koran neben der Bibel. „Wir sind multikulti“, sagt Selma Linzmaier. Zu den insgesamt 2500 Medien gehören auch Gesellschaftsspiele; außerdem einige Hörbücher, DVDs und Kassetten.

Vom Zu- und Abgangsbuch bis zur Leserliste: Alles wird noch von Hand eingetragen. Die Ausleihe schafft Selma Linzmaier auch ohne Computerunterstützung. Sie bedauert allerdings, dass sie immer noch auf das Telefon warten muss, das ihr vor zwei Jahren versprochen wurde. Eine Nummer gibt es bereits, aber noch keinen Apparat. Also hält die 61-Jährige ihre Leser über den Nachrichtendienst WhatsApp auf dem Laufenden. Zum Beispiel über die 40 Bücher, die ihr eine Familie aus Großrosseln kürzlich überlassen hat. „In Topzustand.“ Die Neueinstellungen stehen griffbereit auf der Fensterbank – damit die Leser nicht lange suchen müssen. Gespendete Bücher sind willkommen, allerdings nur in sehr gutem Zustand. Für Neuanschaffungen gibt es ein Budget, von dem Geld kann die Naßweilerin etwa zwei Dutzend Schmöker jährlich kaufen.

Wer neue Medien einstellt, muss auch Platz schaffen. Was zerfleddert ist, kommt raus. Auch Ladenhüter, die nicht ausgeliehen werden. „Ich werfe keine Bücher weg“, betont Linzmaier. Was aussortiert wird, kommt ins öffentliche Bücherregal in Emmersweiler.

Seit 25 Jahren leitet die gelernte Industriekauffrau die Bibliothek – gegen eine kleine Aufwandsentschädigung – als Einzelkämpferin. Weitere Mitarbeiter gibt es nicht. „Gemeindebücherei Großrosseln – Ausleihstelle Naßweiler“, so lautet die offizielle Bezeichnung. Früher gab es auch eine weitere Ausleihstelle. Doch mittlerweile ist die Naßweiler Filiale die einzige Bibliothek in der Gemeinde. Einen Hinweis zur Bücherei gibt es auf der Homepage der Gemeinde Großrosseln nicht.

Seit Fertigstellung des Dorfgemeinschaftshauses im Jahr 1959 steht der Bücherei dort ein Raum zur Verfügung. Einige haben bei Linzmaier schon als Kind Bücher ausgeliehen. Inzwischen bringen sie den eigenen Nachwuchs mit. Die meisten der aktuell 208 Leser gehören zu den älteren Semestern, Jugendliche schauen nur noch selten vorbei. Und was wird häufig ausgeliehen? „Krimis und Thriller gehen immer“, sagt Selma Linzmaier. „Und Herzschmerz.“ Die Romane von Sebastian Fitzek und Joy Fielding sind momentan der Renner. Aber auch Klassiker von Ken Follett und Steven King werden von den Leseratten immer noch gerne verschlungen.

Menschen, die nicht mehr mobil sind, bringt Linzmaier die Bücher an die Haustür. Und holt sie wieder ab. „Sie sind nach Corona alle wiedergekommen“, versichert die Büchereichefin mit Blick auf ihre treue Leserschaft. Sie kommt nicht nur aus der gesamten Gemeinde Großrosseln, sondern auch aus den Völklinger Stadtteilen Ludweiler und Lauterbach. Und sogar aus dem benachbarten Frankreich. Auf Wunsch besorgt Linzmaier auch französische Literatur. Eine Kooperation mit einer Bücherei in Petite-Rosselle ermöglicht das besondere Angebot.

Gabriele Fernandez stammt aus dem Großrosseler Ortsteil St. Nikolaus und lebt jetzt in Frankreich. Die Titel, die sie in die Bücherei zurückbringt, lässt sie direkt für ihre Schwester reservieren. Für die Leiterin der Bücherei hat sie viel Lob: „Sie macht das klasse und ist sehr zuverlässig.“

Zur kostenlosen Ausleihe gehört eine kompetente Beratung. Selma Linzmaier empfiehlt Fernandez ein Buch von Nicholas Sparks. Viele der Werke in den Regalen hat sie selbst gelesen. Die Thriller allerdings nicht. Nach deren Lektüre, erklärt Linzmaier, träume sie schlecht. In dem Genre kennt sie sich aber trotzdem aus – dank der Buch-Rezensionen, die sie im Internet liest.

In dem barrierefrei zugänglichen Büchereiraum wird nicht nur über Literatur geplaudert. Was macht die Gesundheit? Wie geht’s der Familie? „Es ist ein Treffpunkt für Jung und Alt“, betont die Leiterin. Ans Aufhören denkt sie auch nach einem Vierteljahrhundert nicht. Solange es die Gesundheit zulasse, mache sie weiter, und sie ergänzt: „Die Bücherei ist mein Baby.“

Öffnungszeiten: Die Gemeindebücherei im Dorfgemeinschaftshaus Naßweiler ist dienstags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Kontakt zu Selma Linzmaier unter Telefon (0 68 09) 5 56.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort