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Schüler begegnen Klezmer-Musik
Schüler nähern sich fast verschwundener Musik

Siebtklässler des Saarbrücker Schlossgymnasiums musizieren mit Hans Eisel in der Synagoge.
Siebtklässler des Saarbrücker Schlossgymnasiums musizieren mit Hans Eisel in der Synagoge. FOTO: Tobias Ebelshäuser
Saarbrücken. Klezmer erklingt in der Saarbrücker Synagoge: Durch den Holocaust starb diese Kunst fast aus. Von Tobias Ebelshäuser

Die hölzernen Bänke knarzen so laut, dass man Benjamin Chait kaum mehr versteht. Der quirlige Kantor gibt gerade einen Crashkurs in Sachen Judentum in der Saarbrücker Synagoge. Der 37-Jährige hat heute eine besondere Gruppe zu Gast, eine siebte  Klasse vom Gymnasium am Schloss in Saarbrücken. Er erzählt von der Geschichte der jüdischen Gemeinden im Saarland und dem jüdischen Gottesdienst. Chait versammelt seine Klasse sogar vorne am Altar und zeigt ihr die Thora-Rollen der Synagoge. Da er selbst Lehrer ist – er leitet den jüdischen Religionsunterricht im Saarland –, weiß er aber, wie man Kindern am ehesten etwas Fremdes näherbringt. Mit dem Thema Essen natürlich.


So geht das größte Raunen durch die Bankreihen der Synagoge, als Chait erwähnt, dass Juden nicht etwa einen Cheeseburger aus einem Schnellrestaurant essen dürfen. Milchprodukte und Fleisch miteinander verspeisen, das geht nicht. Koscheres Essen, das ist ein Konzept, dass bei den jungen Schülern jede Menge Fragen aufwirft.

Um Essen geht es heute aber gar nicht. Sondern um Musik. Um „Klezmer“, um genau zu sein. Klezmer ist eine jüdische Volksmusiktradition, die auf eine sehr lange Tradition zurückgreifen kann. Der Saarbrücker Musiker Helmut Eisel spielt diese Musik noch heute. Mit Hanan Bar Sela und Sebastian Voltz ist er mit Klezmer-Konzerten in Deutschland unterwegs. Zusammen leiten sie auch den Workshop, bei dem die Kinder diese alte traditionelle Musik kennenlernen sollen.



Die Musik sei zwar sehr alt und sehr traditionsreich, sagt er. Aber durch den Holocaust war die Musik nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich völlig ausgestorben. Die Musiker seien durch ihren Beruf besonders einfach als Juden zu erkennen gewesen und seien so entweder der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer gefallen. Oder aus Angst vor dieser haben sie ihre Musik aufgegeben. Die, die es schafften zu flüchten, zum Beispiel in die USA, wandten sich dort aktuelleren, moderneren Musikrichtungen zu.

Hanan Bar Sela ist einer der Männer, die sich dafür einsetzen, diese Musikrichtung zu retten. „Für mich ist das Musik direkt aus der Seele“, sagt er: „Bei Juden in Osteuropa war das eine große Tradition, damals wurden diese Lieder an Hochzeiten, an Feiertagen gespielt.“ Schon als er neun Jahre  war, beschäftigte ihn diese Musikrichtung. Seit 2002 leitet Bar Sela Klezmer-Festivals in Israel, um diese alte Tradition aus Osteuropa nach Hause, ins Heimatland der Juden zu bringen.

Wirklich viel Vorbereitung hatten die Schüler jedenfalls nicht auf diesen Workshop, wie einer von ihnen ganz nebenbei erzählt. Nur mit  dem Gesang haben sie sich in der Schule beschäftigt. Sonst ist die gesamte Musik auf der Bühne Improvisation. Und trotzdem funktioniert es sehr gut. In nur knapp zwei Stunden schafft die Gruppe auf der Bühne mit den geübten Musikern beeindruckende Melodien. Dabei reden die Instrumente miteinander, vor allem die zwei Klarinetten, gespielt von Bar Sela und Eisel, unterstützt im Dialog von Pianist Sebastian Voltz. Diese Musikrichtung mit ihren sprechenden Klarinetten ist traditionell stark an die menschliche Stimme angelehnt. Sie soll an den Gesang des Kantors beim Gottesdienst erinnern. Und ganz wie die menschliche Stimme Gefühle, Geschichten oder auch einfach nur Informationen vermittelt. So bewerkstelligt dies auch die Musik.

„Als überzeugter Musiker sage ich oft, die Leute sollten gar nicht so viel miteinander reden. Das ist zwar gut, aber miteinander Musik machen, bringt in viel kürzerer Zeit, viel mehr“, sagt Eisel. Man lerne so viel mehr voneinander. So dient die Musik nicht nur den schönen Klängen, sondern dazu, eine fremde Kultur kennenzulernen. „Und dann auch mal zu sagen, schön, dass es diese andere Kultur gibt“, sagt Eisel.