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Sängerin Suzanne Dowaliby saß wegen Corona auf einem Kreuzfahrtschiff fest

Kostenpflichtiger Inhalt: Auf hoher See gestrandet : Wie Corona eine Sängerin auf Odyssee schickte

Sie war für eine Woche engagiert. Als wegen Corona die Häfen schlossen, saß Suzanne Dowaliby aber plötzlich auf hoher See fest.

 Von Aline Pabst

So ganz geheuer war Suzanne Dowaliby die Sache nicht, als sie sich trotz Corona im Frühling auf Reisen begab. Die Künstlerin aus New York, die seit 22 Jahren in Saarbrücken lebt, hatte aber eigentlich keine Wahl. Sie war als Sängerin auf einem Kreuzfahrtschiff gebucht – wäre sie nicht aufgetaucht, hätte sie Vertragsbruch begangen. Also machte sie sich auf den Weg nach Mauritius, wo sie an Bord des Luxusdampfers ging.

Das war am 13. März, einem Freitag – der Tag, an dem das Saarland als erstes Bundesland verkündete, sämtliche Schulen und Kitas zu schließen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Eine Woche sollte Dowaliby eigentlich auf dem Schiff bleiben. Am Ende wurden es 31 Tage.

Heute, viereinhalb Monate später, kann die 54-Jährige über ihre unverhoffte Odyssee lachen. In heimischen Wohnzimmer in St. Johann hat sie für unser Gespräch Erinnerungen an die Reise heraus gekramt: Fotos, Dankeskarten, Songtexte, sogar ein Buch, das eine Journalistin an Bord über die Kreuzfahrt veröffentlicht hat. Darunter auch: ein Routenplan der viermonatigen Weltreise, die durch Corona abrupt beendet wurde. „Ab hier gab es keine Stopps mehr“, sagt sie und tippt auf das betreffende Datum: der 17. März, vier Tage, nachdem sie zugestiegen war.

 Die New Yorkerin, die schon am Broadway auftrat, lebt seit 22 Jahren in Saarbrücken, wo sie singt, in Musicals auftritt und unterrichtet. Das Archivbild zeigt sie bei einem Auftritt im Jahr 2015.
Die New Yorkerin, die schon am Broadway auftrat, lebt seit 22 Jahren in Saarbrücken, wo sie singt, in Musicals auftritt und unterrichtet. Das Archivbild zeigt sie bei einem Auftritt im Jahr 2015. Foto: Kerstin Kramer

Bis es soweit kam, lief ihr Engagement eigentlich gut. Zwar war sie am ersten Tag seekrank und konnte deshalb nicht auftreten. Da am gleichen Tag aber eine Corona-Krisensitzung tagte und den Leuten sowieso nicht der Sinn nach Abendunterhaltung stand, war das jedoch nicht schlimm. Ihr nächster und übernächster Auftritt fanden statt und kamen sehr gut an, zumal sie sich anders als die schiffseigene Unterhaltungstruppe mit den überwiegend deutschen Passagieren – die meisten davon über 60 – problemlos verständigen konnte. „Ich habe viele deutsche Lieder gesungen, auf Deutsch moderiert. Die waren ganz froh mit mir“, erzählt sie.

Am 17. März kam dann die Schocknachricht: Wegen der Pandemie ist der Rest der Kreuzfahrt abgesagt. Die planmäßigen Landgänge in Mosambiks Hauptstadt Maputo, mehreren Städten in Südafrika, der Walfischbucht in Namibia, Kap Verde, Teneriffa und Lissabon – unmöglich. Für Dowaliby bedeuteten die geschlossenen Häfen aber vor allem eines: Niemand durfte mehr zusteigen oder von Bord gehen. Sie saß auf dem Schiff fest.

Das konnte aber auch nicht einfach sofort zurück nach Deutschland fahren, wo die Reise am 15. Dezember begonnen hatte. In Durban in Südafrika wo Dowaliby eigentlich ausgestiegen wäre, wurde Proviant aufgenommen und getankt. Dann machte sich der Dampfer auf den langen Weg über den Atlantik. Im Schneckentempo. „Wir fuhren extra langsam, um Sprit zu sparen“, erklärt Dowaliby. Wochenlang habe niemand Land gesehen. Nachts war die Welt um das Schiff herum pechschwarz. „Kein Licht, nichts. Man konnte nicht sehen, wo das Wasser aufhört und der Himmel anfängt.“

Fremde, die urplötzlich zusammen eingepfercht sind – so fangen Horrorfilme an. Aber Lagerkoller gab es nicht, berichtet Dowaliby. „Im Gegenteil: Uns ging es fantastisch!“ Während die Welt wegen des Corona-Virus in Schockstarre verfiel, hatten die 380 Passagiere und die Crew alles, was sie brauchten, an Bord. Tolles Wetter inklusive. Nachrichten über die Pandemie sickerten auf hoher See nur tröpfchenweise durch: Die Internetverbindung war extrem langsam. „Immer nachts, wenn alle schliefen, wurden die neusten Meldungen runtergeladen“, sagt Dowaliby. „Bis sie bei uns ankamen, waren sie schon einen Tag alt.“

 Mittelmeer-Kreuzfahrt
Mittelmeer-Kreuzfahrt Foto: SZ/Müller, Astrid

Facebook funktionierte nicht, Whatsapp nur spärlich. Der perfekte Nährboden für Gerüchte, zumal die Crew aus 22 verschiedenen Nationen stammte und jeder andere Infos aus den Medien bekam. „Maskenpflicht? Schulen geschlossen? Wir konnten uns das alles gar nicht vorstellen. Es war verrückt“, fasst Dowaliby zusammen. Unter den Passagieren habe es Angst gegeben. Letztendlich nützten solche Gedanken aber keinem. „Wir haben dann einfach beschlossen, unsere Freizeit zu genießen.“

Eine kleine Krise wartete auf die Sängerin dann aber doch noch: Weil die Künstler, die nach ihrem ursprünglich für eine Woche geplanten Gastspiel für die Unterhaltung sorgen sollten, nicht auf das Schiff durften, wollte die Kreuzfahrtleiterin sie auch für den Rest der Reise buchen. Lust hatte Dowaliby zwar – aber die Agentur, die dafür verantwortlich war, stellte sich quer. Mehr Geld als vereinbart könne sie nicht erwarten, im Gegenteil: „Sie meinten, ich solle froh sein, dass ich für mein Essen nichts bezahlen muss.“ Stattdessen solle sie kostenlos singen – als „Geste des guten Willens“.

Eine Entscheidung, die sowohl Künstlerin als auch Kreuzfahrtleitung maßlos ärgerte. Doch letztendlich nahm Dowaliby es mit Fassung – und trat weiterhin auf. „Ich hätte stattdessen auch drei Wochen schmollen und mir leidtun können. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon so viele schöne Begegnungen mit Passagieren, die fragten, wann ich wieder singe. Also habe ich das gemacht. Es war toll.“ Für diesen Einsatz tauschte die Kreuzfahrtleitung ihre schmale Kabine gegen eine Luxus-Suite.

Zusätzlich zu ihren vier Auftritten die Woche sang sie im Gottesdienst, übte mit dem Chor, spielte Klavier und gab Gymnastikstunden. Auch sonst wusste man sich auf dem Schiff zu beschäftigen: „Ich wurde zu privaten Geburtstagsfeiern eingeladen, zu einer goldenen Hochzeit und machte eine Äquator-Taufe mit.“ Eine was? „Anscheinend ist das Tradition: Wenn man den Äquator überquert, muss man erst Neptun um Erlaubnis bitten“, erzählt sie grinsend von dem feuchtfröhlichen Ereignis, bei dem sich die Crew als Meermenschen verkleidete und die Passagiere neue Namen erhielten. Aus Dowaliby wurde das „Singende Seepferdchen“.

Erst am 12. April hatte ihre unfreiwillige Reise in Bremerhaven ein Ende. Von dort ging es schnurstracks zur zweiwöchigen Quarantäne, obwohl es an Bord keinen Corona-Fall gegeben hatte. Mit vielen Passagieren und Crew-Mitgliedern hat sie immer noch Kontakt. „Wir waren wie ein kleines Dorf. Ich habe so viele schöne Freundschaften geschlossen“, sagt sie. War ihr Erlebnis im Rückblick eher Alptraum oder Abenteuer? Sie lacht. „Ein traumhaftes Abenteuer!“